Rosa Nasen

Die Sonnenstrahlen brechen sich in den Zweigen, spiegeln sich in den Lacken, wärmen den Boden und alle anderen Lebewesen. Die Herde von rosa Vierbeinern ist auf der Wiese verteilt. Ich sehe, dass welche die Erde durchwühlen, andere liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Babies spielen. Eines läuft auf mich zu, während ich einfach sitzen bleibe und es auf mich zukommen lasse. Wir kennen einander. Ich war schon oft hier. Es ist keine Besonderheit mehr. Es ist, als würde mich Babette, wie ich sie für mich genannt habe, begrüßen kommen. Kurz vor mir bleibt sie stehen, beschnuppert mich mit ihrer feuchten, rosa Nase. „Wie eine Hundenase, nur rosa“, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf, „Obwohl es auch rosa Hundenasen gibt.“ Kurz lege ich die Hand darauf. Das mag sie nicht so gerne. Sie weicht aus und stupst mich damit an, meine Hand. Das bedeutet, dass sie gekrault werden will. Das habe sogar ich als begriffsstutziger Mensch schon herausgefunden. Ich komme ihrer Aufforderung nach und merke, wie sie es genießt. Von weiter hinten höre ich andere Grunzen. Wohlfühlen. Angekommen. Lebendig. Frei, soweit das möglich ist. Einfach Schwein-sein. Das war mein Traum. So sollte es sein.

Beißender Ammoniakgestank steigt mir in die Nase. Vorsichtig lege ich die Hand auf eine feuchte, rosa Schweinenase. „Gib mir Wasser“, scheint es mir sagen zu wollen. Ich würde sie auch gerne kraulen. Meine Hände passen nicht wirklich durch die Gitter. Sie drängen sich an den Rand, sobald sie wahrgenommen haben, dass da jemand ist, auch mit Wasser, denn der Transporter, in dem sie eingepfercht sind, der verfügt zwar über Tränken, kleine, unauffällige Nippel in der Wand, die aber kein Schwein findet. Sie kennen es nicht. Noch dazu käme höchstens das eine Tier hin, das gerade danebensteht. Und die anderen? Ja, dem Gesetz ist Genüge getan. Ob sie auch davon trinken können, das interessiert den Gesetzgeber nicht.

Eine feuchte, rosa Schweinenase versucht die klare Nachtluft einzuatmen, sich wegzuriechen von den beißenden, giftigen Dämpfen ihrer eigenen Fäkalien. Schweine würden niemals dort defäkieren, wo sie liegen. Hier können sie nicht anders. Hier nicht und auch nicht in dem Stall, in dem sie zuvor eingepfercht waren. Mit ihrem eigenen Gewicht haben sie die Fäkalien durch den Boden gedrückt, durch die Spalten. Das ist am praktischsten und kostet am wenigsten Arbeit, denn es muss so billig wie möglich sein. Die Aufzucht, der Transport, das Schlachten. Billig. Billiger. Am billigsten. Markerschütternde Schreie dröhnen durch die Nacht. „Ich will, dass ihr auf der Wiese seid, nicht da drinnen“, denke ich, während ich immer noch versuche meine Hand durch die Gitter zu zwängen. Nicht machbar, so greife ich nach Wasser. Begierig trinken sie. Nur die am Rand. Die in der Mitte bekommen nichts ab. Gerade nebeneinander liegen können sie. 181 Schweine, atmende, fühlende, leidensfähige Wesen, die man von eingepfercht sein zu eingepfercht sein verschiebt und dann zum Schlachten. Immer dem Effizienzkriterium unterworfen. Nur dem. „Ich möchte mich neben Dich auf die Wiese setzen, Dich kraulen oder einfach zusehen, wie Du lebst“, denke ich, „Denn das, was wir Dir hier zumuten, das ist kein Leben.“

Die Schreie, die Angst, der Gestank auf dem Parkplatz der Autobahn mitten in der Nacht. Letzte Stunden der Qualen vor dem Sterben. Unnötige Verlängerung der Qualen. Stundenlang waren sie schon herumgefahren, um dann noch weitere Stunden auf diesem Parkplatz in einem LKW zu verbringen, wo es weder Wasser noch Futter gibt. Das ist den Sadismus auf die Spitze treiben. Ausbeuten, quälen, vergewaltigen, einsperren, erniedrigen, alle Widerwärtigkeiten, die einem einfallen, wird diesen Tieren von Menschen angetan, während die Konsumenten kein totes Tier, keinen Kadaver, keinen Leichnam, kein Aas fressen, sondern Fleisch. Fett und krank sitzen sie dann da beim Tisch und fressen das Leid und das Elend, das sie verursachen. Nicht persönlich, aber weil sie es wollen, tun es andere für sie. Das ist genauso gut, als würden sie es selber machen.

Ich möchte mitschreien. Dreißig Menschen, die hier stehen, um auf dieses Elend aufmerksam zu machen. Millionen, die die Augen zumachen und es nicht sehen wollen. Irgendwann fährt der LKW weiter, und ich weiß, diese Geschöpfe landen im Schlachthof. Ich kann sie nicht retten, nicht ein einziges von ihnen. Ich kann nur hoffen, dass es schnell geht. Und als ich dem LKW nachsehe, entdecke ich ein Bild, mit einem lächelnden Schwein und einer ebensolchen Kuh und einem Kalb, eine Verhöhnung der Leidenden, eine Demütigung. Nicht einmal das kleinste bisschen Respekt kann man sich abnötigen. Wenigstens so tun als ob.

Und ich kehre nach Hause zurück, zu meinen Hunden, die es warm und trocken und gemütlich haben. So wie Millionen andere auch, die verhätschelt werden wie die eigenen Kinder, während wir es zulassen, dass Milliarden andere leiden. „Wie eine Hundenase“, denke ich nochmals, und dennoch werden die einen verwöhnt und die anderen misshandelt, ihr ganzes, verflucht kurzes Leben hindurch. Dabei gibt es keinen Unterschied, eigentlich. Zumindest was das Anrecht auf ein leidfreies Leben betrifft. Aber wir haben es uns fein zurechtgelegt, werten sie ab, um unsere bestialische Grausamkeit rechtfertigen zu können. Seht, hört und riecht – es soll Euch verfolgen, immer und überall, bis es aufhört, bis es endlich aufhört.

Aus: Tiergeschichten

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