Ich seh, ich seh, was Du nicht siehst und das ist tot

Ein wunderschön sonniger Tag, mitten im Dezember. Der Schnee knirscht unter den Füßen. Die Gänse schnattern im Stall. Menschen betreten ihn, Menschen, die sie kennen, die sich ihr ganzes Leben liebevoll um sie gekümmert, also das Futter gegeben und den Stall ausgemistet haben. Es sind sog. glückliche Gänse, die mit gentechnikfreiem Futter gemästet werden und herumlaufen können, Platz haben und Sozialstrukturen aufbauen konnten. Als kleine Babies waren sie hergekommen und hier groß geworden. Ihr ganzes Leben lang hatten sie nichts anderes, als diesen Stall und die Weide gesehen. Was für eine Freude, wenn die Menschen sie besuchen, die sich um sie kümmern. Sie laufen ihnen entgegen, begrüßen sie herzlich. Wie gut es den Gänsen doch geht, im Vergleich zu ihren Leidensgenoss*innen in der Intensivtierhaltung. Da wird ihnen nach 12 Wochen der Hals umgedreht. Ganz zu schweigen von jenen, die lebend gerupft oder für die Stopfleber malträtiert werden. Die Gänse, die hier den Menschen so eifrig hinterherlaufen, dürfen 26 Wochen leben. Eine enorme Steigerung, wenn man bedenkt, dass ihre Lebenserwartung 20 Jahre beträgt.

Die Gänse kennen die Menschen und vertrauen ihnen. Deshalb haben sie auch keine Scheu, ihnen in den Raum nachzulaufen, in dem einer nach der anderen die Kehle durchgeschnitten wird. Bald ist der Raum blutig rot. Was für eine Idylle, aber die Gänse hatten doch ein glückliches Leben. Da macht es ihnen sicher nichts aus, dass man sie um 19,5 Jahre ihrer Lebenszeit betrügt. Abgesehen vom Verrat, den die Menschen an den Lebewesen begehen, die ihnen ihr Vertrauen geschenkt haben und die sie kurz zuvor vielleicht noch liebevoll streichelten, wie der Vater, der die Tochter in den Arm nimmt und sie später vergewaltigt. Der Vergleich darf natürlich nicht gemacht werden, denn schließlich geht es in einem Fall um Menschen, im andern doch nur um Tiere, die gar nicht am Leben wären, würden wir sie nicht essen und nebenbei ihre Daunen in unsere Jacken stopfen wollen. Dennoch sind es ebenso Lebewesen, die leben wollen. Respektive wollten. Davon merkt man nichts mehr, wenn man den sauberen, blutleeren Körper unter dem Namen Fleisch kauft. Leichnam, Kadaver wäre angebrachter, aber wir verwenden gerne Euphemismen. Außerdem können wir den Kopf höher tragen, weil wir das Fleisch von glücklichen Gänsen essen. War zwar sehr teuer, aber wenn man weiß, wo das Fleisch herkommt, wenn die Tiere ein gutes Leben hatten, dann braucht man auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Immer wieder wird das erzählt, vor allem, wenn einem diese verdammten Tierschützer*innen einreden wollen, dass nicht einmal das in Ordnung ist. Jede*r kauft nur das Fleisch von glücklichen Tieren, so wird behauptet. Dabei gibt es kein Fleisch von glücklichen Tieren, denn wenn man das Fleisch kauft, ist das Tier tot und kann nicht mehr glücklich sein. Ganz abgesehen von der Frage, wer dann nur das ganze billige Fleisch aus der Intensivtierhaltung kauft. Glaubt man den Beteuerungen, so tut es offenbar niemand. Das verschwindet ganz von alleine aus den Regalen, die über viele Meter genau mit dem vollgestopft sind, was offiziell doch keiner kauft.

Am Weihnachtsabend, zum Fest der Liebe, ist dann die ganze Familie um den Esstisch versammelt, der von einem toten Vogel geziert ist. Alle sind fröhlich und guter Dinge, denn man hat sich immer ordentlich betragen, war höflich und nett, folgsam und gehorsam, vor allem den Traditionen gegenüber, was sich auch im Verspeisen der Weihnachtsgans äußert. „Mami, was essen wir da?“, fragt die kleine Tochter.

„Nur den Weihnachtsbraten, Schatz“, antwortet die Mutter ausweichend.

„Ist das ein Vogel? Hast Du den tot gemacht?“, fährt die Tochter unbeirrt fort.

„Nein, meine Süße, der war schon tot und er ist gerne gestorben, dass Du satt wirst und wir Weihnachten feiern können“, erklärt die Mutter geduldig.

„Aber wird ihn seine Mama nicht vermissen?“, meint die Kleine unbeirrt.

„Das war nur ein dummer Vogel und der ist dazu da, dass wir ihn essen“, mischt sich nun der Vater ins Gespräch ein, „Und ich will jetzt kein Wort mehr darüber hören. Freut Euch gefälligst und seid fröhlich. Es ist Weihnachten. Oder soll ich Dir Deine Geschenke wieder wegnehmen?“ Die Stimme des Vaters hat einen drohenden Unterton angenommen, genug, um die Tochter zum Verstummen zu bringen. Schweigend isst sie, was ihr auf den Teller gegeben wurde. Nur den toten Vogel rührt sie nicht an.

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