Die Tragödie von Krefeld oder von der Doppelmoral, Heuchelei und Dekadenz in unserer Gesellschaft (1)

In den frühen Morgenstunden des 01. Januar 2020 erreichte die Welt eine niederschmetternde Botschaft: Das Affenhaus von Krefeld war, aufgrund der Dummheit und dem Traditionsbewusstsein normaler, guter Mitmenschen und der Ignoranz der Verantwortlichen, bis auf die Grundfesten abgebrannt. Die darin, teilweise seit Jahrzehnten, inhaftierten Affen kamen ums Leben. Sofort wird nach den Schuldigen gesucht, die auch rasch gefunden werden, bzw. sich finden lassen. Das wird dann noch als Zeichen von Courage gefeiert und der eine oder andere hat wohl ein wenig Mitleid mit den drei Damen, weil sie das ja nicht gewollt haben. Soweit die Tatsachen. Aber sind diese drei Frauen tatsächlich die Schuldigen oder sollte man nicht ein wenig das Blickfeld erweitern, um das wahre Ausmaß zu erkennen, das zu diesem Inferno führte? Dann kommt man sehr schnell zu einer weit über die individuelle Verantwortung hinausgehende, die gesellschaftliche.

Es drängt sich die Frage auf, warum diese Affen hinter Gittern sitzen. Es ist die Schaulust der Menschen, die sie dafür zahlen lässt, sensible, hochintelligente, soziale und autonome Geschöpfe begaffen zu wollen. Ein Freizeitprogrammpunkt unter vielen anderen. Und es muss ein tolles Erlebnis zu sein, einen Gefangenen anzusehen, seiner Familie und der natürlichen Umwelt entrissen, der nichts machen kann, als auf dem kleinen Raum, dem man ihm bietet, das ewig Gleiche zu tun. Es ist, als würde man Psychiatriepatient*innen begaffen. „Der macht ja gar nichts“, höre ich ein Kind motzen, „Das ist langweilig.“ Und was genau soll er machen? Den Zuschauenden den Affen? Der Unterschied ist nur, die Menschen gehen wieder nach Hause, in ihr normales Leben, weil sie die Bewegungsfreiheit haben und sich entscheiden dürfen, ihr Leben ihren Bedürfnissen entsprechend zu führen. Die Tiere im Zoo müssen bleiben, hineingepfercht in eine Sozialstruktur, die durch zufällige Auswahl entstand, ohne Entscheidungsmöglichkeit, angestarrt von Menschen, die sich davon wer weiß was erhoffen, möglicherweise nur, dass die Zeit vergeht, ohne eine Möglichkeit zu entkommen. Nehmen wir das Beispiel des Gorillas Massa, dem ältesten Insassen des Krefelder Gefängnisses. Er wurde im Jahre 1971 geboren, irgendwo in der afrikanischen Wildnis. 1975, also im Alter von vier Jahren, wurde er seiner Familie entrissen und an den Krefelder Zoo verkauft, in dem er 44 Jahre lang im sog. „Tropenhaus“, einem rundum abgeschlossenen Betonbunker ohne Außenanlage, eingesperrt wurde. Beim Brand am 01.01.2020 ist er bei lebendigem Leib verbrannt, ohne je eine Chance gehabt zu haben. Ebenso wie 29 seiner Mitgefangenen.

Die Menschen sind erschütternd und entsetzt. Zurecht. Die Meldungen gehen durch die Presse und jede*r zeigt Mitgefühl und Anteilnahme. Mahnwachen werden abgehalten und die Bilder der Betroffenen werden veröffentlicht. Es wird ihnen ein Gesicht gegeben. Sie hatten einen Namen. Dabei sind 30 Opfer relativ überschaubar und überbeanspruchen nicht die eingeschränkte Empathiefähigkeit des Menschen. Im nächsten Atemzug wird davon gesprochen das Gefängnis wiederaufzubauen und es mit neuen Insassen zu besetzen. Ein Spendenaufruf ergeht. Doch wofür werden diese Spenden verwendet? Natürlich auch um das Gebäude neu aufzubauen. Doch in erster Linie dafür, Tierhändler dafür zu bezahlen, diese Lebewesen aus ihrer natürlichen Umwelt, ihren Familienverbänden herauszuholen, damit sie ihr Leben in Gefangenschaft verbringen können. Das heißt, die heimischen Zoos finanzieren illegale Jagden auf freie Tiere, um hinterher zu behaupten, wir müssen die Tiere vor diesen Jagden schützen. Die Wildnis ist weitaus gefährlicher und der Zoo die einzige Zufluchtsmöglichkeit, wo sie noch eine Chance haben. Außerdem wird ihr Lebensraum sukzessive zerstört. Überall also müssen wir diese und viele andere Tiere vor den Machenschaften des Menschen retten. Würden jene Einrichtungen – und Zoos sind nicht die einzigen – die Jäger nicht mehr bezahlen, müssten sie sich ein anderes Beschäftigungsfeld suchen. Das heißt, Menschen werden für das Verursachen von Leid an unseren Mitgeschöpfen bezahlt, unter dem Vorwand, diese Lebewesen vor genau diesen Menschen schützen zu wollen. Und die Menge applaudiert.

Wer jedoch wirklich Lebewesen in Freiheit schützen will, der unterstützt nicht die Gefängnisse, sondern jene Institutionen, die sich tatsächlich für deren Schutz einsetzen, wie die Jane Goodall Foundation, the Great Ape Project und ähnliches. Das ist wahrer Tier- und Umweltschutz vor Ort und nicht reine Effekthascherei um Geld zu verdienen. Auf Kosten der Tiere. Dann wird es auch nicht mehr notwendig sein um Affen in Gefangenschaft zu trauern.

Darüber hinaus gab es und gibt es tagtäglich irgendwo Brände in Ställen. Dabei kommen nicht 30, sondern tausende Tiere um. Wo ist da der Aufschrei? Wo sind da die Mahnwachen?

Hier gehts zu Teil 2

7 Gedanken zu „Die Tragödie von Krefeld oder von der Doppelmoral, Heuchelei und Dekadenz in unserer Gesellschaft (1)

  1. oma99

    Danke Daniela!
    Wahre, notwendige Gedanken, die Du aussprichst und dabei bin ich ganz bei Dir.
    Seit vielen, vielen Jahren versuchen wir zu erreichen, dass die Zoo-/Tiergarten-Haltung von Tieren unsinnig ist, nichts mit Tierschutz und Arterhaltung zu tun hat – es interessiert viel zu wenige.

    Ebensolange versuchen wir den Menschen klarzumachen, dass die Tierqualhaltung in zoologischen Gärten, Tiergärten, aber auch Zirkussen, schlichtweg nur geschieht, weil es dafür zahlendes Publikum gibt.

    Wirklich etwas bei sich, dem eigenen Verhalten ändern, das will kaum jemand. Ausreden finden sich immerm leider.

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    1. novels4utoo

      Das stimmt, in jeder Hinsicht. Dabei wäre es gerade in dem Bereich so leicht. Es gibt so tolle Dokus, die eigentlich vermitteln wie die Tiere leben. Das kann ein Zoo nie leisten. Und dann ist da noch der Schmarrn mit der Tradition.

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  2. Anneli Treibig

    Menschen denken schlimmer als Tiere! Tiere sind nur an ihrem Überleben interessiert. Menschen glauben für alle Lebewesen bestimmen zu dürfen! Sie können sich natürlich nicht in ein Tier versetzen, aber die Augen von Tieren, die sich gequält fühlen, sagen so viel.

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    1. novels4utoo

      Du hast den wichtigsten Punkt angesprochen, Menschen glauben, über andere Lebewesen bestimmen zu dürfen – und dabei hat jedes Lebewesen das Recht auf ein leidfreies Leben. Aber um die Qual zu sehen, die wir bereiten, muss man hinsehen – in die Augen sehen.

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