Haus-, Nutz- oder Gebrauchstier?

„Sie haben also Ihren Hund nur zum Spaß!“, sagte der Herr, preußisch gebieterisch, dessen Leidenschaft leicht erkennbar gewesen wäre, aber es war meine erste wirkliche Begegnung mit einem Vertreter dieser Zunft, deshalb gab ich naiv zurück,

„Jawohl, und Sie nicht.“

„Nein, Hunde sind zum Gebrauch da und nicht, um die Menschen zu bespaßen“, erwiderte er und stapfte weiter. Leicht zu erkennen, an seinem grünen Loden, in das er gewandet war, den Hut mit dem Gamsbart auf dem Kopf. Seine Hündin war so alt wie mein Rüde, gerade mal ein halbes Jahr und es wäre so schön gewesen, sie über die Felder toben zu sehen, aber das durfte sie nicht, schließlich war sie ein Gebrauchshund, ein Hund zum Gebrauch.

Mit diesem ersten Zusammenstoß mit einem Jäger, wurde ich auch konfrontiert mit deren euphemistischer Sprache. Sie sagen ernten, statt morden, Schweiß, statt Blut, aufbrechen, statt ausweiden und Gebrauchstier, statt Missbrauchstier. Jedes Lebewesen, das von einem anderen für die Erfüllung seiner Zwecke als Mittel herangezogen wird, wird missbraucht. „Handle so, dass Du die Menschheit sowohl in Deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchst.“, führte Immanuel Kant bereits 1785 aus. Kant beschränkt sich in seinen Ausführungen auf die Menschen. Aber was hindert uns daran, diesen Satz auf alle Lebewesen auszudehnen? Jedes Lebewesen hat den Willen, sich seinen Interessen entsprechend zu entfalten. Ein Hund, der zum Gebrauch herangezogen wird, hilft die Interessen dessen zu entfalten, der ihn besitzt. Dabei beginnt der Missbrauch schon dort, wo ich ein anderes Lebewesen in Besitz nehme. Gebrauchen und besitzen kann ich ein Auto, ein Werkzeug oder ein Buch. Es wurde von Menschenhand für einen Zweck hergestellt, aber kein Lebewesen wurde von Menschen hergestellt. Das Leben gehört sich selbst. Dennoch meinen wir, andere, uns unterlegene Geschöpfe in Besitz nehmen zu dürfen, um sie für unsere Zwecke zu missbrauchen, als Mittel für mich. Der Jäger nennt es Gebrauchstier, der Bauer Nutztier und die Menschen, die Tiere bloß zum Spaß haben, Haustiere. Nicht nur, weil wir Kategorien brauchen, um die Welt einzuteilen, sie überschaubar zu machen, sondern auch um durch diesen weiteren Euphemismus, unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Kein Tier kommt als Gebrauchs-, Nutz- oder Haustier auf die Welt, sondern als Individuum. Indem ich es aber so nenne, suggeriere ich mir selbst und anderen, dass diese Lebewesen, die in die eine oder andere Kategorie fallen, dazu ausersehen wurden, diese Vorgabe zu erfüllen, als wäre es ein Naturgesetz. So ist es völlig legitim, Gebrauchstiere für die Jagd, für Wettrennen, für Kämpfe zu missbrauchen, sonst hätten sie kein Gebrauchstier werden dürfen. Wobei wir übersehen, dass wir es dazu machen, indem wir ihm diesen Namen geben. Deshalb dürfen wir sie auch zu tausenden ermorden oder verhungern lassen, wenn sie ihren Gebrauch nicht mehr erfüllen, wie die Galgos in Spanien.

Als nächstes kommen die Nutztiere, von denen behauptet wird, dass sie sowieso nur auf der Welt sind, damit sie uns Nutzen in Form von Essen oder Kleidung bieten. Wir züchten sie um sie zu vernutzen. Aber die Zucht selbst macht uns noch nicht zum Schöpfer, sondern nur zum Reproduktionswerkzeug. In Freiheit würden sich diese Tiere auch reproduzieren, aber nicht nach Plan, sondern sie gründen Familien, sorgen für ihre Kinder, ziehen sie groß und lassen sie ihr Leben leben. Ganz anders in der Nutztierindustrie, in der der Mensch dafür sorgt, dass Tiere auf die Welt kommen, um sie sofort zu trennen und nach kürzester Zeit zu ermorden. Wir setzen sie also ins Leben, um es ihnen so schnell wie möglich wieder zu nehmen. Dazwischen beuten wir auch die Erzeugnisse ihres Körpers aus. Geboren, um malträtiert und ermordet zu werden, könnte sich unser Umgang mit den sogenannten Nutztieren zusammenfassen lassen.

Aber die Haustiere, die fallen ja gar nicht in die Kategorie des Ausnutzens. Wir nehmen ihnen schließlich weder ihr Fell noch ihr Leben. Ganz im Gegenteil, wir verhätscheln und beschützen sie. Das bedeutet, wir beuten sie emotional aus, um unser Leben reicher zu machen oder um Kindern Verantwortung beizubringen. Selbst, wenn wir meinen, dem Tier etwas Gutes zu tun, so dient es letztlich nur dem Ausgleich unseres eigenen emotionalen Defizits. Als Ersatz für eigene Kinder oder einem Partner oder sozialen Kontakten. Dafür zwingen wir andere Lebewesen auf ihre Freiheit und ihre eigene Lebensplanung zu verzichten.

Egal wie ich es nenne, in jedem Fall wird ein anderes Lebewesen als Mittel gebraucht. Kants Satz ist erst vollständig, wenn ich ihn abändere in: „Handle so, dass Du die Lebewesen, sowohl in Deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchst.“ Und diese Handlungsanweisung auch befolge.

2 Gedanken zu „Haus-, Nutz- oder Gebrauchstier?

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