Das Recht, die Welt zu zerstören

„Ich lasse mir mein Recht auf Fleisch nicht nehmen!“, sagt er, die Arme vor der Brust verschränkt und vor Wut schnaubend, als hätte ich das je vorgehabt, ihm irgendetwas zu nehmen. Alles was ich tat, und dessen bekenne ich mich unumwunden schuldig, war, ihm die Nachteile einer Lebensweise, bei der tierliche Produkte konsumiert werden, darzulegen.

„Ich lasse mir mein Recht auf Fleisch nicht nehmen!“, ist die Erwiderung, ein zweites Mal, nun präzisiert durch den Zusatz, „Von Euch faschistischen Veganern schon gar nicht. Ihr glaubts wirklich, ihr habts die Weisheit mit dem Löffel gefressen und jetzt wollt ihr sie jedem reinstopfen. Aber bei mir funktioniert das nicht.“ Dass da nichts zu machen ist, ist mir klar. Ich sehe ihn an und muss unwillkürlich an ein kleines Kind denken, dass sich in seinen Schmollwinkel zurückgezogen hat und partout nicht zuhören will, geschweige denn verstehen.

„Schließlich schreibe ich Euch auch nicht vor, was ihr zu tun habt“, fügt er noch hinzu, „Ihr könnt von mir aus euren Fraß essen, aber ich esse, was ich will. Jeder soll so leben, wie er will und die anderen respektieren.“ Damit dreht er sich um und geht. Hätte es Sinn gemacht, etwas zu sagen, irgendetwas, was angekommen wäre?

„Mein Recht auf Fleisch“, hat er gesagt und natürlich hat in unserer Gesellschaft jede*r das Recht Fleisch zu essen. Die Frage ist nur, muss ich alles machen, wozu ich ein Recht habe oder ist es nicht manchmal vernünftiger, etwas nicht zu tun, obwohl ich ein Recht dazu habe? Selbst, wenn der Gesetzgeber keinen Einspruch erhebt? Wir haben gelernt, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt. Mehr noch, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist auch moralisch integer, um dabei zu vergessen, dass der Gesetzgeber sich nicht um Moral schert, schon gar nicht um Lebensrechte, sondern nur die Gestimmtheit der Bevölkerung widerzuspiegeln. Da haben wir eine klassische, Katze in den Schwanz beiß-Situation. Der Gesetzgeber passt sich der Lebenswirklichkeit an, während die/der Gesetzesempfänger*in seine Lebenswirklichkeit den Gesetzen anpasst. Sagt nun der Gesetzgeber, Tiere sind Sachen, dann sind wir einverstanden, denn schließlich muss er es wissen. Aber ansonsten lassen wir uns nichts sagen. Braucht es auch nicht. Wir machen eh alles nach, was alle anderen auch machen. Fleisch zu essen, zum Beispiel. Weil der Gesetzgeber nichts dagegen hat. Deshalb haben wir auch ein Recht darauf. Denn schließlich soll jede*r so leben, wie sie/er will. Natürlich. Jede*r soll die Möglichkeit haben ihren/seinen Lebensplan zu verwirklichen. Sehr schöner Satz, bloß, dass eben die Menschen, die ihn am liebsten im Mund führen, genau dieses Recht rd. 60.000.000.000 sog. Nutztieren absprechen, die in Ställen ihr kurzes Leben unter widrigsten Bedingungen fristen, wogegen der Gesetzgeber auch nichts einzuwenden hat, schon allein deswegen, weil er sonst verhindern würde, dass die Menschen mit billigstem Fleisch versorgt werden, was wiederum der Wirtschaft dient, die der Gesetzgeber auch unterstützt. Mein Recht auf Fleisch bedeutet darüber hinaus, dass jede*r das Recht hat sich krank zu fressen und ein Gesundheitssystem in Anspruch zu nehmen, das von jenen mitfinanziert wird, die auf gesunde Ernährung achten. Außerdem wird ganz nebenbei unser aller Planet zerstört. Selbst dagegen gibt es kein Gesetz.

Es gibt allerdings auch keine gesetzliche Regelung, die es verbietet, selbst zu denken. Und wenn man einmal erkannt hat, dass die Zerstörung der Natur, der Artenvielfalt, der Meere, des Bodens, unserer Gesundheit damit verknüpft ist, dass wir tierliche Produkte konsumieren, dann geht es nicht mehr darum, ob wir das Recht haben Fleisch zu essen, sondern ob wir das Recht haben, den Planeten und die Zukunft unserer Kinder zu zerstören. Natürlich haben wir das Recht, denn es gibt kein Gesetz auf der Welt, die das verbietet, doch es heißt noch lange nicht, dass wir dieses Recht auch in Anspruch nehmen müssen. Ganz im Gegenteil, wir alle haben das Recht unseren Teil dazu beizutragen, diese Welt zu retten, jede*n so leben zu lassen, wie er leben will, also seinen Lebensplan zu verwirklichen, ohne jemanden zu vernichten. Aber so lange die meisten Menschen sich nur nachdem richten und es auch noch lauthals verteidigen, was alle machen, in der Herde mitrennen und dafür soziale positive Verstärkung erwarten, so lange wird das Recht darauf, die Welt zu zerstören auch in Anspruch genommen werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s