Vegan heißt ja zum Leben sagen (3)

Die Mutter sah ihre Tochter streng an: „Du willst mir also sagen, dass ich mich stundenlang am Herd abgemüht habe und dann kommst Du daher und isst das nicht? Ist das Deine Art mir Deinen Respekt zu zollen?“
„Und was ist mit Deinem Respekt gegenüber dem Leben?“, meinte Liv, „Hätte ich das vorher gewusst, ich hätte schon längst damit aufgehört. Dann hättest Du auch nicht für mich kochen brauchen.“

„So lange ich koche, wird auch gegessen, was ich für gut befinde“, meinte die Mutter barsch, „Schließlich weiß ich, was gut für Dich ist. Der Mensch braucht nun mal Fleisch, um zu überleben. Das war schon immer so. Sonst wirst Du krank. Sieh sie Dir nur an, all die schwindsüchtigen, mangelernährten Vegetarier. Noch schlimmer sind die Veganer. Die essen überhaupt nichts mehr. Und außerdem sind die Tiere dafür da, dass wir sie essen. Wir haben sie dafür gezüchtet und ohne uns, würden sie überhaupt nicht leben. Und was meinst Du, woher der Mensch sein großes Gehirn hat? Vom Fleisch. Also mach jetzt nicht solche Faxen, sondern komm essen. Vielleicht können wir das Schwein bald grillen.“ Damit drehte sie sich um und ging zurück in die Küche.

Liv blieb alleine zurück. Ihr Entschluss kein Fleisch mehr zu essen, das war ein Impuls gewesen, erklärbar durch das Erlebte. Keinen Moment hatte sie an die Konsequenzen gedacht. Und wenn ihre Mutter sagte, dass sie Fleisch essen muss, damit sie nicht krank würde, dann muss das doch stimmen. Denn wenn es nicht stimmte … Aber nein, ihre Mutter würde sie niemals belügen. Oder vielleicht wusste sie es auch nicht besser? Liv war völlig durcheinander. Es stimmte schon, alle Menschen, die sie kannte, aßen Fleisch. Sie hatte es im Kindergarten und in der Schule bekommen. Man würde doch kleinen Kindern nichts zu essen geben, was nicht gut für sie wäre. Was war richtig und was falsch? Da fiel ihr Blick auf das kleine Baby, das immer noch in ihren Armen schlief und sie wusste intuitiv, dass es richtig war, es am Leben zu lassen. Aber es war eben nicht mehr als dieses Gefühl. Konnte sie dem trauen? Klang es nicht logisch, dass der Mensch immer schon Fleisch gegessen hatte? War es nicht auch einleuchtend, dass wir nichts tun würden, generell, was uns schaden würde? Würde man es sonst so propagieren dürfen, das Fleischessen, wenn es nicht richtig wäre? Würde das nicht bedeuten, dass wir von allen Seiten belogen werden? Das Mädchen, das das Ferkel gerettet hatte, fühlte sich elend, allein und verlassen. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, außer dem einen, dass dieses Lebewesen in ihren Händen so lange leben durfte, wie es möglich war und nicht auf irgendeinem Bratspieß enden würde. Es würde leben. Aber wie sollte sie das erklären? Da wurde sie sich bewusst, dass sie etwas machen würde, was sonst keine*r machte von den Menschen, die sie kannte. Damit würde sie sich selbst aus der Gemeinschaft ausschließen. Sie sah schon die tadelnden Blicke und die geschüttelten Köpfe vor sich. Die Verständnisvolleren unter ihnen würden vielleicht noch sagen, „Ach lasst sie doch. Das ist nur eine Phase, das wächst sich wieder aus.“
„Sieh mal, wie lecker“, würden weniger Rücksichtsvolle meinen und vor ihrem Gesicht mit dem Fleisch herumfuchteln, „Gib doch zu, dass Du Dir so etwas Gutes nicht entgehen lassen willst.“
„Also solche Allüren hätten meine Eltern nicht geduldet“, würden jene mit den pädagogisch wertvollen Gedanken sagen, „Anneliese, ich würde Dir empfehlen so etwas sofort zu unterbinden. Wer weiß, was ihr als Nächstes einfällt.“ Anneliese, Livs Mutter, würde daraufhin ebenso erzieherisch tiefsinnig reagieren und Liv zur Ordnung rufen, weil sie sich für ihre Tochter schämen musste. Falsch gemacht hatte es natürlich die Mutter, denn wenn sie es richtig gemacht hätte, dann würde Liv gar nicht erst auf solch abstruse Ideen kommen. All das konnte sie sich sehr gut ausmalen. Aber dann blieb immer noch die kleine Runa. Es passte einfach nicht zusammen, aber es war niemand da, die Liv helfen konnte. Was sollte sie tun? Was konnte sie tun?

„Komm jetzt endlich zum Essen“, hörte Liv die Stimme ihrer Mutter, ungeduldig und bestimmt. Gehorsam setzte sich Liv an den Tisch, doch das Fleisch rührte sie nicht an, während sie dachte, dass es dort draußen doch irgendjemanden geben musste, der ihr helfen konnte. Bloß wie konnte sie so jemanden finden?

Hier geht es zu Teil 4

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