Vegan heißt Ja zum Leben sagen (6)

„Ich denke, das ist der Knackpunkt“, meinte Zoe, „Wie kann ich Menschen dazu bewegen, das Leid und die anderen Konsequenzen ihres Handelns zu sehen, ohne sofort von anderen Dingen abgelenkt zu werden wie z.B. den Verlust der hierarchischen Ordnung oder des eigenen, gewohnten Lebensstils? Wie kann ich Menschen berühren?“
„Wieso ist es mit dem Verlust der hierarchischen Ordnung verbunden?“, warf nun Liv ein.
„Stell Dir vor, wir würden unseren nicht-menschlichen Mitgeschöpfen tatsächlich die Freiheit zugestehen, die ihnen zusteht, also ihr Leben selbst zu gestalten“, erwiderte Zoe, „Dann würde das bedeuten, dass die Menschen ganz schnell erkennen müssten, die anderen Spezies sind nicht abhängig von uns. Sie können das sehr gut ohne uns. Ohne diese Abhängigkeit allerdings, hätten wir keine Macht mehr und so lange wir in einer Gesellschaft leben, in der es selbstverständlich ist, dass Macht etwas Erstrebenswertes ist, wird man diesen Verlust nicht hinnehmen wollen. Manche führen Länder, andere Konzerne, wieder andere meinen, ihre Macht gegenüber Frauen und Kindern ausüben zu müssen und wer all diese Möglichkeiten nicht hat, verfügt über Tiere.“

„Freiheit bedeutet also auch Herrschaftslosigkeit“, resümierte Hektor entsprechend.
„Natürlich“, bestätigte Zoe, „Empathische Menschen, deren Anliegen es ist, dass jedes Lebewesen sich entsprechend seiner Anlagen und Möglichkeiten entfalten kann, haben Herrschaft nicht nötig, aber auch nicht sich zu unterwerfen, um sich gut zu fühlen.“
„Warum sollte es Menschen geben, die sich gerne unterwerfen?“, wunderte sich Liv.
„Weil sie die Freiheit nicht ertragen und meinen einen Führer zu brauchen, um zu leben“, erklärte Zoe, „Sonst würde das Spiel gar nicht funktionieren. Es bedarf solcher, die sich darüber definieren, wie viele sich unterwerfen und jene, die sich erst in der Gemeinschaft der Gefolgschaft sicher fühlen. Auch das würde ein veganes Leben zerstören. Das führt zu Angst, und zwar auf beiden Seiten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass man nicht jetzt und sofort sagt, ja, ich möchte kein Leid mehr verursachen, weder an menschlichen noch an nicht-menschlichen Geschöpfen incl. unserer Erde? Das Tun an sich wäre sehr einfach. Aber die Konsequenzen für das gesellschaftliche Gefüge wären enorm. Deshalb ist meines Erachtens nach der einzige konstruktive Weg, einen Punkt zu finden, an dem man den Menschen, mit dem man gerade spricht, anrührt, einen Zugang zu finden zu dem Ort, an dem er seine Empathie verschlossen hält. Dann geschieht der Rest ganz von alleine.“
„Das klingt sehr anstrengend und vor allem langwierig“, meinte Liv nachdenklich.
„Ist es auch“, bestätigte Liv, „Aber es ist die einzige Möglichkeit, wenn man will, dass die Veränderung nachhaltig und fundiert ist.“
„Aber ist es tatsächlich möglich, kein Leid zu verursachen?“, fragte Liv weiter, „Kann ich 100%ig vegan sein?“
„Nein, kann ich nicht“, musste Zoe eingestehen, „Allein, wenn ich über eine Wiese gehe, werde ich Kleinstlebewesen zertreten, aber genau diesen Umstand hat die Vegan Society bei ihrer Definition von vegan sein berücksichtigt.“
„Und wie lautet diese Definition?“, wollte Hektor wissen.
„Sie lautet: ‚Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden‘“, sagte Zoe, „Es ist also genau genommen nichts Fertiges, denn es gibt immer Möglichkeiten zur Verbesserung und andererseits ist es das Eingeständnis, dass Leben ohne Leiden nicht möglich ist. Dennoch habe ich die Möglichkeit so viel Leid wie möglich zu vermeiden bzw. es nicht mutwillig zu vermehren.“
„Eigentlich ein großartiger Gedanke“, sagte Liv lächelnd, „Es liegt also in meiner Hand, hängt von meinen Entscheidungen ab, ob ich Leid verursache oder nicht.“
„In Deiner und der von allen anderen“, bestätigte Zoe, „Und mit jeder einzelnen Entscheidung, die ich treffe, kann ich dazu beitragen aus dieser Welt einen schöneren Ort zu machen, für uns selbst und unsere Mitgeschöpfe.“
„Ich denke, wir gehen nach Hause“, meinte Hektor plötzlich.
„Warum das? Du weißt doch, was da los ist“, erwiderte Liv.
„Ja, aber ich denke, wir sollten reden, mit Deiner Mutter und vielleicht finden wir auch den Punkt, an dem ihre Empathie begraben liegt.“
„Ein guter Plan“, sagte Zoe, als sie sich verabschiedeten und hoffe, dass es den beiden gelingen würde.

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