Es gibt kein Entrinnen (1)

Ihr Kopf sinkt nieder. Sie schließt die Augen. Zu ihrer letzten Nacht. Sie weiß es nicht. Kann sie auch nicht, aber sie fühlt es. Ihre letzte Nacht in Gefangenschaft. Ihre letzte Nacht vor der Freiheit des Todes. Sie wird hinausgeführt werden. Kurz wird sie einen Blick auf die Sonne werfen. Das Gras. Die Weite. Das erste Mal. Das letzte Mal. Dann wird man sie auf den Transporter treiben. Sie wird bereits so erschöpft sein, erschöpft von einem Leben des Leidens und des Schmerzes, in dem sie kaum einen Schritt vor oder zurück gehen konnte, dass sie diese paar Meter nicht schaffen wird.

Sie wird zusammenbrechen. Dann wird jemand den Strick packen und sie hinaufschleifen. Sie wird sich nicht wehren. Niemals hat sie sich gewehrt. Geschehen lassen. In jedem Moment voll Hoffnung. Trotz allem. Worauf auch immer. Auch wenn sie es nicht benannte. Nicht benennen konnte. Bis zum Schluss wird sie auf einen Ausweg warten. Süß wird das Gras duften. Die Sonne wird ihren wunden Körper wärmen. Für ein paar Momente. Die Laderampe mit den scharfen Rillen, über die sie brutal gezogen wird, wird tiefe Furchen auf ihrem zerschundenen Leib hinterlassen. Sie wird es nicht wahrnehmen, weil ihr ganzer Körper schmerzt. Es wird nicht mehr darauf ankommen. Beim Entladen wird sie es nochmals versuchen, aufzustehen. Wenn es ihr gelingt, wird sie erhobenen Hauptes durch die engen Gänge gehen, hin zu ihrer Hinrichtung, die es eigentlich nicht ist, denn mit einer Hinrichtung ist ein Ritual verbunden. Massensterben im Akkord. Wenn sie Glück hat, wird der Schuss, der sie betäubt, sitzen. Viele haben kein Glück und erleben das Ausbluten bei vollem Bewusstsein. Es wird nach Angst und Tränen riechen. Schreie dröhnen durch den Raum. Sie werden widerhallen von den Wänden. Es wird kaum auszuhalten sein. Auch wenn es kaum mehr einen Unterschied machen wird. Doch so lange das Leben sich regt, wird es mit aller Unerbittlichkeit darauf drängen, zu bleiben. Trotz der Absurdität. Wegen der Absurdität?

Mit geschlossenen Augen liegt sie, ihrer letzten Nacht entgegendämmernd. Das Baby, das sie war, steht wieder in der Box. Sie hat so entsetzlich gefroren. Auch wegen der Winterkälte und des Windes. Mehr noch wegen der Einsamkeit. Ein paar Tage lang hatte sie geschrien. Warum hatten sie sie von ihrer Mutter weggebracht? Sie musste doch ganz in der Nähe sein, denn sie hörte ihre Klagelaute, die zwischen all den anderen erkannte. Dennoch durfte sie nicht zu ihr. Sie verstand es nicht. Es gibt daran auch nichts zu verstehen. Momente, die so absurd und grotesk sind, dass sie jenseits aller Möglichkeit liegen sie nachzuvollziehen. Momente der Matrix entsprungen. Doch so real und normal, dass sie die Gleichgültigkeit geradezu provozieren. Eine kleine Box. Davor ein Zaun. Sie stand draußen und streckte die Zunge heraus. Schneeflocken landeten darauf. Es war ein bisschen wie saugen. Sie hatte Freude an diesem Spiel. Für eine kurze Weile. Dann hörte sie wieder die Klagelaute und zog sich in die Box zurück, rollte sich ein. Ganz klein machte sie sich, als könnte sie der Kälte und der Einsamkeit entkommen. Später, als sie nicht mehr saugen wollte, kam sie zu den anderen Kindern. Wieder in eine Box. Diesmal größer. Als sie dann groß genug war, kam sie in eine andere Box, bekam einen Strick um den Hals und stand, immerfort, am selben Fleck. Eines Tages kam einer, der steckte seinen ganzen Arm in ihre Vagina. Es ging vorüber. Dann fühlte sie zum ersten Mal das Leben in ihr. Ein Baby wuchs in ihren Körper heran. Neun Monate lang war es in ihr. Ein schützender Hafen. Der einzige, den sie in ihrem ganzen Leben haben würde, unbehelligt und zufrieden, aber auch unbewusst.

Hier geht es zu Teil 2

2 Gedanken zu „Es gibt kein Entrinnen (1)

  1. oma99

    Wenn man sich auch den Text einlässt, wird man nicht mehr umhinkommen, wahrzunehmen, was wir mit unserer Form der „Nutztierhaltung“ für ein unendliches Leid über unsere Mitbewohner auf dieser Erde bringen und auch mit welcher Arroganz und Gleichgültigkeit wir unsägliches Leid nicht nur über diese Tiere bringen, sondern es auch noch als „gottgegeben“, „notwendig“, „notgedrungen“, oder wie auch immer, in Kauf nehmen.
    Wenn man sich wirklich darauf einläßt, sollte man nach leidfreien Alternativen zu unserer Ernährung, für unseren Genuß suchen und schlußendlich sich nicht nur alibihaft vegetarisch ernähren, sondern vegan leben.
    Denn nur dann kann man nicht nur den Tieren, sondern auch sich selber wirklich helfen und die eigene Verantwortung für unsere Welt übernehmen,
    Danke für diesen Text.

    Gefällt 1 Person

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