Es gibt kein Entrinnen (2)

Eines Tages brachte sie ein Baby zur Welt. Es wollte sich zu der Mutter kuscheln, doch man ließ es nicht zu. Man packte das Kleine, warf es in Scheibtruhe und brachte es fort. Es war ein Mädchen. Deshalb brachte man sie in eine Box, in eine ebensolche, wie jene, in der die ihre ersten Tage zubringen musste, die sie soeben zur Welt gebracht hatte. Wäre es ein Junge gewesen, wäre er nach wenigen Tagen auf einen Transporter verladen und tausende Kilometer weit in den Tod geschickt worden. Aber es war ihr egal, sie wollte ihr Baby nur bei sich haben. Mit schreckgeweiteten Augen musste sie mitansehen, wie es ihr entrissen wurde. Es zerriss ihr fast das Herz. Sie verstand es nicht. Es gab daran auch nichts zu verstehen.

Immer noch nicht. Das Kleine wollte doch nur trinken. Bei ihr liegen. Es war genug Platz. Ein entsetzlicher Schrei entrang sich ihrer Kehle, ein Schrei, der die ganze innerliche Zerrissenheit zum Ausdruck brachte. Ihr Baby antwortete, doch die, die es wegbrachten, blieben unerbittlich. Nur ein wenig Milch, nur ein klein bisschen Platz. Die zum Bersten gefüllten Brüste hätten genug hergegeben, doch sie wollten alles von ihr, bis zum letzten Tropfen. Keinen einzigen Schluck für ihr Baby. Das musste sich mit billigem Milchaustauscher zufrieden geben. Und mit der Einsamkeit. Mit der Verlassenheit. Tagelang schrie sie, während ihr Körper immer ausgezehrter wurde. Zwei Mal am Tag wurde sie leergepumpt. Sie aß, so viel sie konnte, aber es schien immer noch zu wenig zu sein. Zuviel Kraft kostete es ihren Körper, diese Unmengen an Milch zu produzieren. In der Nacht träumte sie davon, dass sie für ihr Kleines ein Nest gebaut hatte, in dem sie es abseits der anderen auf der Wiese die ersten Tage versorgte, bevor sie es stolz präsentierte. Vielleicht das nächste Mal. Doch auch beim nächsten Mal geschah das Gleiche. So wie beim übernächsten und beim überübernächsten. Dann kam der Tag, da sie nicht mehr schwanger wurde. Sie war ausgelaugt und erschöpft. Ausgewrungen. Ausgeblutet. Sie war ein einziger Schmerz. Alles an ihr war entzündet. Deshalb weigerte sich ihr Körper noch mehr herzugeben. Jetzt liegt sie hier, wund und ermattet, den nächsten Morgen erwartend, der ihr letzter sein wird, weil sie nichts mehr zu geben hat. Deshalb braucht sie auch niemand mehr. Trotzdem frisst sie. Ein unnötiger Kostenfaktor.

Da vernimmt sie, schon im Halbschlaf verfangen, ein leises Flattern. Eine kleine gefiederte Freundin. Sie legt sich zu der Großen. Auch für sie wird es die letzte Nacht sein. Aber diese will sie bei ihr verbringen. Niemand weiß, wie sie es immer wieder schafft, ihrem Gefängnis zu entkommen. Doch es gelingt ihr. Zwei Gefangene im Schmerz vereint. Ein wenig Trost inmitten der Trostlosigkeit. Ein wenig Miteinander inmitten der Einsamkeit. Beide schließen die Augen. Gleich nach der Geburt war sie auf ein Förderband gekommen, die kleine, zarte mit den Federn, von denen nun kaum welche mehr da waren, mit vielen anderen. Dort wurden sie separiert. Die Brauchbaren ins Gefängnis, die Unbrauchbaren in den Schredder. Wahlweise ins Gas. Sobald sie groß genug war, begann sie ihr Nest zu füllen. Jeden Tag. Doch am nächsten Morgen war es wieder leer. Deshalb machte sie weiter. Jeden einzelnen Tag, inmitten all der anderen, die so dicht neben ihr standen, dass sie sich kaum bewegen konnte. Nicht einmal die Flügel ausstrecken. Aber sie machte weiter, weil sie nicht anders konnte. Nach und nach zehrte es sie auf. Ihre Knochen wurden brüchig. Ihr Körper ausgemergelt. Dann hörte es plötzlich auf. Jetzt ist sie unbrauchbar. Ein Wegwerfprodukt. Auch sie wird auf den Transporter verladen, ausgeladen und aufgehängt. So wird es leichter sein, ihr die Kehle durchzuschneiden. Schnitt, schnitt, schnitt. Köpfe rollen, wie man Zahnpastaverschlüsse auf die Tuben schraubt. Fabrikarbeit. Fließbandmord. Im Takt. Im Akkord. Nach getanem Dienst gehen die, die ihnen die Kehlen durchschneiden, nach Hause. Handlanger. Zurück bleibt eine saubere, frisch geschrubbte Halle, doch der Geruch des Todes bleibt. Er lässt sich nicht wegwaschen. Vor allem nicht die Angst und die Tränen. Nur das Blut. Doch jetzt liegen sie, die beiden, ein letztes Mal vereint, dem Morgen, der ihr letzter sein wird, entgegendämmernd.

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