Mord aus niederen Motiven

Es geschah in einem der strengsten Winter irgendwann im 19. Jhdt. in Österreich. Eine Familie litt unter der Kälte und dem Hunger. Die Ernte im Sommer war kärglich ausgefallen und so saßen die Einsiedlerfamilie, die Eltern und die sechs Kinder, um den Tisch und wussten weder ein noch aus. Da hielt es der Vater nicht mehr. Stumm stand er vom Tisch auf, holte seine Flinte aus dem Schrank und ging zum Haus hinaus. Niemand sagte etwas. Niemand versuchte ihn zurückzuhalten, auch wenn allen klar war, was er vorhatte. Wilderei war ein schweres Vergehen. Und eben dessen würde er sich schuldig machen. Die Wildtiere, die es gab, gehörten schließlich dem Eigentümer des Waldes, dem Herrn Grafen, der so viel schießen durfte, wie er wollte, nur zum Spaß und um die Langweile zu vertreiben.

Wenige Stunden später kehrte der Vater in die Hütte zurück, drei Hasen am Gürtel. Nun würde seine Familie eine Zeitlang zu essen haben. Aber dann? Es war knapp gewesen. Nur mit Müh und Not war er dem Revierjäger entkommen, denn es ist schwer, einen Schuss zu verheimlichen. Vielleicht sollte er es wieder mit Fallen versuchen, aber er würde alles tun, was er konnte, um seine Familie vor dem schrecklichen Hungertod zu bewahren. Ganz gleich was mit ihm geschähe, auch wenn er sich dessen bewusst war, dass das Leben für sie noch viel schwerer werden würde, würde er ins Gefängnis kommen.

Zur gleichen Zeit saß der Graf auf einem Hochsitz, eingehüllt in seinen Murmeltiermantel, dass er nicht frieren musste und wartete. Es dauerte nicht lange, da wurden ihm etliche Wildschweine direkt vor die Flinte getrieben, damit er sie gemütlich abknallen konnte. War auch zu langweilig gewesen, diese normale Jagd, bei der man viele Stunden auf diesem unbequemen Hochsitz sitzt und wartet bis sich ein Tier bequemt vorbeizukommen. Und wenn es dann endlich kommt, dann trifft man vielleicht nicht richtig, so dass es entkommt und nachgesucht werden muss. Da war ihm diese Jagd im Gatter schon viel lieber. Was für eine segensreiche Idee von seinem Vater. Und so einfach. Man musste nur einen Zaun bauen, die Tiere darin einsperren und sich dann zu gegebener Zeit zutreiben zu lassen. Von zehn traf er immerhin drei im Schnitt. Und auch das Nicht-treffen war kein Problem mehr, denn schließlich konnten die Tiere nicht mehr weit flüchten. Am Ende der Jagd, wenn die Strecke gelegt wurde, interessierten ihn die Tiere nicht mehr. Wer braucht schon das ganze Zeug, wenn man sowieso schon überfressen ist. Manchmal schenkte er sie her, wenn er einen großzügigen Tag hatte. Wenn nicht, so ließ er sie vergraben. Er wusste nichts von der Not der Bevölkerung, denn die Jagd diente nur dazu, dass er sich nicht länger so schrecklich langweilte. Und wo sonst könnte der Mensch seine Überlegenheit über die übrige Kreatur besser zur Geltung bringen, als bei der Jagd.

Heute schreiben wir das Jahr 2020. Die Jäger*innen haben sich eine – nach eigenen Angaben – hohe ethische Messlatte gelegt, denn es ginge ihnen ausschließlich um die Aufrechterhaltung des natürlichen Gleichgewichts im Wald. Deshalb müssten sie Tiere töten, so leid es ihnen auch täte. Man möchte es fast glauben, entdeckte man dann nicht, dass es noch immer Jagdgatter, also umfriedete Eigenjagden gibt, wie man sie im Fachjargon nennt, in denen Tiere gezüchtet werden, nur um sie dann abzuschießen. Großteils immer noch in adeliger Hand – obwohl der Adel im Jahr 1919 bereits abgeschafft wurde in Österreich – ist es mittlerweile ein lukratives Geschäftsmodell geworden. Neben dem unsagbaren Tierleid dieser handaufgezogenen und damit beinahe zahmen Tiere, führt die gewollte Überpopulation zu gravierenden Schäden an den Wäldern. Diese Art der Jagd, die auch von den meisten Jägern selbst, als nicht weidmännisch abgelehnt wird, wurde in den letzten Jahren verboten. Unter anderem auch im Burgenland. Genauerhin wurde das entsprechende Gesetz im Mai 2017 geändert und damit sollte die Gatterjagd ab 01. Februar 2023 der Geschichte angehören, wo sie auch längst hingehörte. Doch aus heiterem Himmel soll diese Änderung nun wieder rückgängig gemacht werden. Unter der Leitung von Landeshauptmann Doskozil brachte die SPÖ einen entsprechenden Antrag im burgenländischen Landtag ein und wird wohl auch genehmigt werden. Die Frage ist nun warum geschieht das? Was haben die Familien Esterhazy, Mendsorff-Pouilly und Drašković, die sich allesamt noch immer als Grafen betiteln lassen, dem Herrn Landeshauptmann zukommen lassen oder versprochen, dass er sämtliche sozialistische Werte über Bord wirft und sich mit der Bourgeoisie ins Bett legt? Egal was es war, es muss auf jeden Fall alles darangesetzt werden, dass dieser Anachronismus im 21. Jhdt. endlich ein Ende findet.

4 Gedanken zu „Mord aus niederen Motiven

  1. oma99

    Eine unsägliche Geschichte, real ausgelebte Mordlust verbunden mit den Dünkeln des ehemaligen Adels. Es ist mir schleierhaft, warum sich wiedereinmal Politiker kaufen (‚tschuldigung, besser: fördern) lassen und so etwas unterstützen…
    Ausser dem schnellen und endgültigem Gatterjagdverbot braucht’s auch eine Offenlegung und Bestrafung von Bestechungen und dazu verwendetem Lobbyismus,

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    1. novels4utoo

      Genau so ist es. Aber was ich noch spannend finde ist, dass es so viele Menschen gibt, die den Adel so toll finden und sich so gerne unterordnen. Und die Autorität ist nichts als Geburt, keine besondere Qualifikation. Vielleicht auch ein Hang zur Romantisierung.

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      1. oma99

        Sicherlich aus dies.
        Allerdings sehe ich – wie leider so oft – eher eine bequeme Obrigskeitshörigkeit, dann braucht man schließlich nicht aktiv zu werden, denn die Oberen (haben eh das sagen) werden es schon richtig machen und wenn nicht… Also wird pauschal was die „Oberen“ sagen übernommen und gut ist es in den Augen dieser Hörigen. Außerdem… das war doch eh schon immer so…
        *seufz* Sorry, wenn ich von vielen Menschen da keine gute Meinung habe…

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