Das Leben als Produktionsmittel

Und ich male Kreuze. 220 Kreuze. 4 min 24 sec für 220 Kreuze. Ich blinzle. Unwillkürlich. Jedes Blinzeln 220 Tote. 220 Kreuze zu malen in einer hundertstel Sekunde ist unmöglich. Die Zeit, in der sie sterben. 220 ausgelöschte Leben. Mit einem Blinzeln. Ich blinzle den Tod. Ich brauche 4 min 24 um 220 Kreuze zu malen. In Reih und Glied. 4 min 24 Kreuze malen bloß 220 sind 5.808.000 Tote. Ohne die Kollateralschäden. Ohne den Ausschuss.

Ich klebe Bilder. 220 Bilder. 1 min pro Bild. 220 min für 220 Bilder sind 290.400.000 Tote. Während ich bloß 220 ein Gesicht gebe. Ich schreibe einen Namen daneben. Geburtstag. Todestag. Bloß Tag und Monat. Es liegt so nahe zusammen. Es ist nicht notwendig ein Jahr zu schreiben. Außer es fällt zum Jahreswechsel. Es ändert nichts am Zeitbedarf. In Wahrheit haben sie keine Namen. Niemand notiert sich den Tag der Geburt. Niemand interessiert sich für den Tag des Todes. Es wäre zu aufwendig. Es ist wenig Zeit. Sie haben auch keine Namen. Bloß Nummern. Nummern distanzieren. Nummern machen aus lebendigen Wesen Dinge. Nummern sind praktisch.

Feinsäuberlich schreibt sie der Buchhalter in sein Buchhaltungsbuch. Wareneingang. Warenausgang. Kollateralschäden. Das ist Leben. Nein, das ist nicht Leben. Das sind Produktionsmittel.

Produktionsmittel, die erzeugt wurden. Am Funktionieren gehalten, aussortiert werden. Er schreibt seine Nummern in sein Buch. Kein Blut. Kein Schrei. Kein Schmerz. Nur Nummern. Auch Zahlen und Ziffern. Nichts rückt das Leben so weit weg wie Nummern. Sklaven haben eine Nummer. Gefangene haben eine Nummer. Produktionsmittel haben Nummern. Und die weißen Ärmel bleiben sauber.

Ich male Kreuze. 100 mal 220. 22.000 Tote. Für jeden ein Kreuz. Für jeden ein Bild. 22.000 in bloß einer Sekunde. Der Buchhalter schreibt die Zahl. 22.000. Feinsäuberlich in das dafür vorgesehene Kästchen. Er hat mit dem Leben nichts zu tun. Auch nicht mit dem Tod. Er schreibt Nummern. Und Zahlen und Ziffern. Er schreibt bloß.

Produktionsmitteleingang. Durchgangsstadium. Betriebsmittel. Je nach Art des Produktionsmittel 500 Gramm bis 50 Kilo Futter. Ein bis 80 Liter Wasser und Medikamente. Betriebsmittel, um die Produktionsmittel am Laufen zu halten. Manche scheiden trotzdem aus. Vorzeitig. Ausschuss. Die Zahl wird vermerkt. Manche werden aussortiert. Nicht produktionstauglich. Sie atmen noch, auch am Müll. Gnädig, wer sie totschlägt. Buchhaltung kennt keine Gnade. Nur Zahlen. Summen. Differenzen.

Unnötige Produktionsmittel verschlingen unnötig Betriebsmittel. Das kostet. Euro um Euro. Cent um Cent. Aufgerechnet. Es muss was übrigbleiben. Um weiter zu produzieren. Löhne müssen gezahlt werden. An die, die den Umgang haben. Mit dem Leid, dem Elend und dem Tod. Es ist ihr Job. Nichts weiter. Sie separieren. Morden. Zerteilen. Verpacken. Vom Blut ist nichts mehr zu sehen. Die Schreie nicht zu hören.

Sauber und unscheinbar wie die Zahlen. In Regalen. Im Einkaufskorb. In der Pfanne. An den Füßen. An der Kleidung. Für den Genuss. Für die Schönheit. Für den Dresscode.

Und der Buchhalter schreibt unbeirrt. Manchmal ist der Ausschuss hoch. Dann reklamiert er. Nicht wegen des Lebens. Wegen den Ausgaben. Er ist nur der Buchhalter. Henker sind andere. Konsumenten sind andere.

Und ich male Kreuze. 220 Kreuze. 4 min 24 sec für 220 Kreuze. Ich blinzle. Unwillkürlich. Jedes Blinzeln 220 Tote.

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