Glückliche Schweine in Österreich

Ist es nicht wunderschön zu sehen, wie die Schweine, die großen und die kleinen, über die Wiese galoppieren, die Kuh besuchen, mit ihr plaudern. Wir kennen es vom Ja-natürlich-Ferkel. Es ist eine Wonne und Schweine, vor allem die kleinen, sind ja auch so süß. Wir kennen die Bilder aus der Werbung, und wenn man lange genug sucht, auch aus der Wirklichkeit. Es gibt sie tatsächlich, die Schweinchen, die süßen rosanen, von denen mittlerweile jeder weiß, dass sie intelligent sind wie dreijährige Kinder und damit unseren Haushunden weit überlegen. Sie spielen und wühlen und genießen das Leben. Sie bauen Nester für die Babies und erfahrene Altsauen unterstützen die jungen, unbedarften bei der Aufzucht. Und sie haben einen gesonderten Bereich, in dem sie ihre Notdurft verrichten. So weit die Idylle. So weit die Illusion. Nicht ganz. Für immerhin 1.500 Schweine in Österreich ist diese Idylle tatsächlich Realität. Für 1.500 von 3.000.000. Also heiße 0,05%.

Na ich kaufe ja nur Fleisch aus Biohaltung, lasse ich mir sagen. Die machen dann auch einen Großteil aus, namentlich 66.000, also 2,2%. Wobei Biohaltung auch nicht bedeutet, dass die Schweine je die Sonne sehen, sondern nur, dass sie ein wenig mehr Platz haben als ihre Leidensgenoss*innen. Doch wie sieht nun die Realität aus, abseits der werblichen Schönfärberei? Es sind keine direkten Lügen, aber ein Vorgaukeln von einem Zustand, der gerade mal 0,05% der Schweine zuteil wird. Aber was ist mit den restlichen? Fabian ist eines von 1.800.000 Schweinen, die auf Vollspaltenböden ihr kurzes Dasein fristen.

Fabian kommt am 30.01. zur Welt. Seine Mutter ist unter einem Gitter eingezwängt. Sie kann ihn und seine 11 Geschwister nicht umsorgen, durfte nie erleben wie es ist, für ihre Babies ein Nest zu bauen, sie in der Abgeschiedenheit, einem verschwiegenen Winkel zu säugen. Alles was sie kann ist dazuliegen und ihre Brüste zur Verfügung zu stellen, während die Kleinen auf Vollspaltenböden, harten Betonböden mit Schlitzen, durch die ihre Exkremente fallen, ihr Dasein fristen. Nach vier Tagen werden Fabian und all seinen männlichen Geschwistern die Hoden entfernt. Es schmerzt höllisch, noch lange danach, aber es gibt nichts gegen die Schmerzen. Eines seiner Geschwister verblutet in der Nacht. Der Bauer entsorgt es.

Sobald er alt genug ist, kommt er weg von der Mutter, damit sie neu besamt werden kann. Eine Schwangerschaft nach der anderen, zwangsweise, und er hat nie mit ihr kuscheln dürfen. Dafür hat er immer den Tot um sich. Nicht alle überleben die grausame Tortur. Schwänze abschneiden, Ohren kupieren. Dann kann er nichts mehr tun als fressen, stehen und schlafen. Weil ihm langweilig ist knabbert er. An Ohren und Schwänzen. Es gibt nichts zu tun und er kann nicht ausweichen. Es gibt kein Licht und keinen einzigen Strohhalm, nur den harten Boden und viel zu wenig Platz. Kaum, dass er sich hinlegen kann. Seine Gelenke schmerzen von dem harten Boden und die Augen tränen von den Ammoniakdämpfen des eigenen Urins und Kots, über dem sie leben, sechs Monate lang. Am 30.07. wiegt er 110 kg. Er ist gerade mal ein halbes Jahr alt. Dann wird er auf den Transporter verladen. Da sieht er zum ersten Mal die Sonne. Das zweite Mal, wenn er abgeladen wird beim Schlachthof. Zwei Mal Sonne in diesem Leben, das eigentlich nichts weiter ist als ein Dahinvegetieren auf engstem Raum, bei künstlicher Beleuchtung, auf hartem Boden, degradiert zu einer bloßen Fressmaschine. Doch wer meint, dass er zumindest schmerzfrei ermordet wird, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Mit etlichen anderen Leidensgenoss*innen wird er in eine kleine Gondel gepfercht. Es soll beruhigend wirken, weil sie mehrere sind, doch wie kann es das, wenn die Angst- und Schmerzensschreie durch die Hallen dröhnen. Wieder eingesperrt. Dann bohrt sich ein stechender Schmerz in seine Atemorgane. Es ist ihm, als müsse er ersticken. Verzweifelt versucht er von dem wegzukommen, das ihn peinigt. Er bäumt sich panisch auf. Bis das CO2 ihn endlich betäubt scheint eine halbe Ewigkeit zu vergehen, rund 20 Sekunden der Erstickungsnot und Todesangst. Ein einziges Martyrium für einen zweifelhaften Genuss des Menschen.

2 Gedanken zu „Glückliche Schweine in Österreich

  1. Kurt Schmidinger

    Sehr gut geschrieben! Dass Fabian am Schlachthof im Fall von CO2-Betäubung dann auch noch einen Kampf gegen das Gefühl des Erstickens in der Gondel im Gaskeller ausfechten musste, hätte man noch erwähnen sollen.

    Gefällt 1 Person

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