Das Schwein im Gemeindebau

Frau M. sitzt am Fensterbrett im sechsten Stock in einem Gemeindebau irgendwo am Gürtel in Wien. Sie hat ein blutiges Messer in der Hand.

Die Autos rollen durch die Straßen.
Eine einzige, große Blechlawine.
Eine Lawine, die ab und zu anhält.
Dann rollt sie wieder an.
Träge und gleichgültig.
In den Autos sitzen Menschen.
Geschützt vom Blech um sie.
Dazwischen gehen Menschen.
Sie haben fast alle ein Ziel.
Und wenn nicht, dann tun sie so als ob.
Sie versuchen einander auszuweichen.
Sehen zu Boden.
Jede geht ihrem eigenen Leben nach.
Durchlavieren, zwischen den anderen.
Als wären sie Hindernisse, die es zu umschiffen gilt.
Schöne und Hässliche,
Dicke und Dünne,
Erfolgreiche und Erfolglose.
Von hier oben ist es egal.
Sie sehen alle aus wie Ameisen.
Kleine, hektische Ameisen.
Geschäftig und getrieben und verängstigt.
So verbringen sie ihr Leben, ihre Zeit.
Und sehen nicht wie sinnlos es ist.
In der Früh schließen sie die Türe und gehen hinaus.
Um irgendwo anders gehen sie hinein.
Sie schließen eine Türe.
Türen werden sorgfältig geschlossen.
Damit niemand sieht was dahinter passiert.

Wie der Nachbar,
der sich von der Tochter den Schwanz lutschen lässt.
Die Mutter tut so, als würde sie es nicht merken.
Dabei ist das Mädchen schon abgemagert bis auf die Knochen.
Oder die Nachbarin,
die sich von ihrem Hund ficken lässt.
Einem Schäferhund.
Der Hund drückt sich immer so herum.
So an der Wand, mit eingezogenem Schwanz.
Er hat Angst.
Und dann ist noch die,
die von ihrem Mann ständig verprügelt wird.
Die Frau Doktor, wie wir sagen.
Er ist Doktor.
Sie ist die Frau Doktor.
Ein angesehener Mann.
Alle wissen nur das Beste von ihm zu berichten.
Sie zieht sich ein Kostüm an und lächelt.
Sie will Frau Doktor bleiben.
Wenn sie aus der Wohnung geht und die Türe schließt,
lässt sie es drinnen.
Niemand merkt etwas.
Alle wissen es.

Und ich habe meinen Mann erstochen.
Nein, nicht erstochen.
Ich habe ihm die Kehle durchgeschnitten.
Röchelnd lag er da und ist langsam verblutet.
Eine Minute und fünfzig Sekunden hat es gedauert.
Er hat mich angesehen.
Da war so viel Ungläubigkeit in seinen Augen.
Er konnte nicht fassen,
dass ich es tatsächlich getan hatte.
Er versuchte was zu sagen,
aber er konnte nicht,
nichts sagen,
mich nicht mehr anschreien oder niedermachen oder beschimpfen.
Nur röcheln.
Dann habe ich ihm den Schwanz abgeschnitten.
Kurz bevor es vorbei war.
Ich habe ihn auf seine Augen gelegt.
Dass er ihn noch einmal sieht.
Seinen Schwanz.
Seit er so fett geworden war,
konnte er das nicht mehr.
Ich wollte, dass er noch einmal seinen Schwanz sieht
bevor er krepiert.
Ich habe ihm die Kehle durchgeschnitten,
damit er weiß wie es den Schweinen geht.
Die er abgeschlachtet hat,
jeden Tag.

Zu Anfang hat er gelitten, unter dem Abschlachten.
Jeden Abend, als er nach Hause kam,
hat er geheult, wie ein Baby.
Von den Augen hat er erzählt,
die ihn ansehen, so voller Angst,
weil sie es wissen.
Die Schweine.
Zu tausenden in den Tod getrieben.
Fließbandarbeit.
Zu Anfang hat er geheult.
Aber er musste es machen,
weil er nichts Anderes fand
und weil ich schwanger war.
Zu der Zeit.
Ich wiegte ihn in meinen Armen.
Wie ein Baby,
wie ich das,
das ich in meinem Leib trug,
wiegen würde.
Es würde anders werden.
Er müsse sich nur umschauen.
Es wäre nur für eine kleine Weile,
habe ich ihm gesagt.
Habe ich mir eingeredet.
Er hat sich auch umgesehen.
Aber irgendwann gab er auf.
Auch zu heulen und Mitleid zu haben.
Dann ging es mit dem Saufen los.
Und mit dem Saufen kam die Gewalt.
Er wehrte sich gegen die Angst der Schweine.
Gegen meine Angst.
Er verprügelte die Schweine.
Und mich.
Einmal, da trat er mir in den Bauch.
Blut troff auf den Boden.
Eine bräunlich-rot-schleimige Masse kam aus mir heraus
und lag am Küchenboden.
Das wäre mein Kind gewesen.
Unseres.
Man konnte es schon erkennen,
aber wir brauchten das Geld.
Eigentlich nicht mehr.
Dann, als er das Kind umgebracht hatte.

Das Schwanzlutschen, das Hundeficken, das Frauenschlagen, das Kindertottreten,
es findet genauso hinter verschlossenen Türen statt,
wie das Schweineschlachten.
Das Malträtieren und Massakrieren.
Mit Genuss begann er zu erzählen.
Von spitzen Stöcken.
Er stach in die Fotzen der Schweine.
Hat er gesagt.
Und mit dem Elektroschocker.
Das ist geil.
Auch weil er keine Freunde mehr hatte.
Wer will schon etwas mit jemandem zu tun haben,
der mordet, im Takt des Fließbandes.
Dass er für sie mordet,
das sehen sie nicht.
Er ist der Mörder.
Die, die das Fleisch essen, waschen ihre Hände in Unschuld.
Weil es doch so schrecklich ist.
Weil sie das nicht sehen können.
Und den verachten, der es für sie tut.
Türe zu und nicht darüber reden.
Deshalb soff er und fraß.
Bis er so fett war,
dass er seinen Schwanz nicht mehr sehen konnte.
Dann habe ich ihn abgeschnitten
und auf seine Augen gelegt.
Dass er ihn noch einmal zu sehen bekam.
Dann war er tot.
Und die Menschen wuseln durch die Straßen,
wie die Ameisen,
suchen sich ihren Weg durch die Autoblechlawinen.
Und das Treiben hinter verschlossenen Türen berührt sie nicht.

2 Gedanken zu „Das Schwein im Gemeindebau

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