Der Experimentator

„Schau mal, er ist endlich aufgewacht“, drang eine weibliche Stimme an sein Ohr. Er lag auf einem kalten Tisch. Es war ihm sofort klar, um welchen Tisch es sich handelte, einen klinisch sauberen, seinen Experimentiertisch, an dem er schon so viele Tiere festgeschnallt hatte. Die Zeiten, in denen man die Tiere, mit denen die Wissenschaft ihre Spielchen trieb, annageln durfte, waren leider vorbei. Wie sehr wünschte er sich, er hätte zurzeit Claude Bernards oder Rene Descartes gelebt. Da konnte man in seinem Labor noch schalten und walten, wie man wollte, ohne dass einem ständig jemand ins Handwerk pfuschte. Aber heutzutage musste man sich für jeden kleinen Pickser bei einer Maus rechtfertigen, als wenn eine Maus oder 10.000 oder mehr eine Rolle spielen würden. Dabei leisteten sie, er und sein Team, großartige Arbeit für die Wissenschaft. Er versuchte sich aufzurichten, doch er war an den Tisch gekettet. Nicht einen Zentimeter vermochte er seine Arme oder Beine anzuheben. Selbst der Kopf war mittels einer Halsmanschette fixiert, so dass er ihn nicht einmal von links nach rechts zu drehen vermochte, sondern nur stur geradeaus blicken konnte, mitten in die schwärzeste Dunkelheit, wie ihm vorkam.

„Dabei habe ich ihm doch nur ganz leicht auf den Kopf geschlagen. Dafür war er ziemlich lange weggetreten“, vernahm er nun eine andere, ebenfalls weibliche Stimme, wie er vermutete und merkte ihm gleichen Moment, wie ihn der Kopf schmerzte.
„Verdammt, was soll das“, entfuhr es ihm unvermittelt, „Ihr könnt mich da doch nicht festschnallen, wie irgendein Viech.“
„Irgendein Viech“, wiederholte die erste spottend, „Nicht so, wie Deine Labortiere, die Du aufschneidest, verbrühst, vergiftest, verpestest …“
„Das ist doch alles zum Segen der Menschheit“, wiederholte er einen Satz, den er wohl schon hunderte Male wiederholt hatte, oft genug, um selbst daran zu glauben.
„Was hast Du herausgefunden, bei Deinen Experimenten, was der Menschheit nutzt?“, fragte nun die zweite Stimme, „Dass Mäuse vor Erschöpfung sterben, wenn man sie nur lange genug in einem Wasserbehälter um ihr Leben strampeln lässt? Dass Gerbils einen Hörschaden erleiden, wenn man sie mit 115 Dezibel beschallt?“
„Aber letztendlich“, so mischte sich die erste Stimme ein, „sind doch nur Menschenexperimente aussagekräftig. Meinst Du nicht auch?“
„Natürlich, aber das dürfen wir ja nicht“, erklärte der Herr Doktor mit großer Bestimmtheit.
„Na dann werden wir es ohne Erlaubnis machen“, erwiderte die weibliche Stimme. Endlich wurde das Licht aufgedreht, doch seine Freude darüber war nur von kurzer Dauer, denn es handelte sich um einen einzigen Strahler, der direkt auf sein Gesicht gerichtet war. Doch er konnte den Kopf nicht wegdrehen, nur die Augen zumachen, wollte der dem grellen Licht entgehen, das in seinen Augen schmerzte.
„Dreht das wieder ab“, forderte er.
„Siehst Du, so schnell geht das, wir haben schon eine erste Erkenntnis“, meinte die zweite Frau süffisant, „Grelles Licht in den Augen schmerzt. So schnell kann das gehen, mit den sog. wissenschaftlichen Erkenntnissen.“
„Warum macht ihr das?“, kam nun endlich die entscheidende Frage von seiner Seite.
„Damit Du endlich erfährst wie es sich anfühlt, einem anderen hilflos ausgeliefert zu sein, ohne zu wissen, was der mit einem vorhat“, antwortete die erste Frau prompt.
„Aber das sind doch nur Tiere, die eigens dafür gezüchtet werden. Die fühlen doch nichts“, meinte er trotzig.
„Aber wenn sie nichts fühlen, wie kann man dann die Wirkungsweise von Schmerzmitteln an ihnen testen? Dann ist das doch völlig sinnlos?“, warf die zweite Frau ein.
„Wenn man es an genügend Spezies testet, ergibt sich eine gewisse Analogie für den Menschen“, sagte der Experimentator.
„Dann müssen sie doch was fühlen“, meinte die erste Frau.
„Ja, aber das sind nur Reaktionen der Nerven. Sie fühlen nicht so wie Menschen“, versuchte der Herr, der sonst im weißen Kittel seine Überlegenheit demonstrierte, einen etwas müden Versuch, sich zu rechtfertigen.
„Vielleicht sollten wir ihm den Schädel öffnen und sein Gehirn untersuchen, die Stelle lokalisieren, die dafür verantwortlich ist, dass er sich all die Grausamkeiten ausdenkt“, schlug die erste vor.
„Das ist unnötig, unter der Schädeldecke werden wir nichts Interessantes finden“, erwiderte die zweite, „Aber wir könnten seinen Brustkorb öffnen und seinem Herzen beim Schlagen zusehen.“
„Auch nicht gut, da herrscht sicher gähnende Leere, denn Herz hat der keines“, erwiderte die andere, „Aber weißt Du was, wir gehen jetzt. Es ist spät und ich bin müde.“ Allen Protesten des Herren am Experimentiertisch zum Trotz, verließen sie das Gebäude. Am nächsten Morgen fanden ihn seine Student*innen. Er soll sich nach diesem Erlebnis der Kultivierung von Bakterien zugewandt haben und ein Verfechter der tierleidfreien Forschung geworden sein.

2 Gedanken zu „Der Experimentator

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