Profit als allumfassende Rechtfertigung

Ich stehe vor einem Stall, natürlich auf einem öffentlichen Feldweg. Die Türen und Fenster sind fest verschlossen, aber die Schreie der Schweine, die in diesem Stall eingepfercht sind, zerschneiden die zarte der Illusion von ländlicher Idylle und lassen einen Scherbenhaufen zurück. Wenn ich mich auch nur einen Schritt vorwärts bewege, den Grund des Bauern betrete, verstoße ich gegen Eigentumsrecht. Eigentum geht über alles. „Die radikalen Tierschützer brechen in Ställe ein, das ist Unrecht“, klingt es in meinen Ohren nach, „Und was Recht ist, muss auch Recht bleiben. Punkt.“ Ja, Punkt, denn in meinem Eigentum und mit meinem Eigentum, darf ich schalten und walten wie ich will. Stimmt das wirklich?

Selbst für das Eigentum bzw. dessen Gebrauch gibt es Grenzen. So wenn in die Rechte eines anderen eingegriffen wird. Was ist mehr Eingriff in das Recht eines anderen, als ihn ohne medizinische Versorgung einfach krepieren zu lassen oder unter Umständen zu halten, die krank machen? Aber diese Schweine sind auch Eigentum. Dennoch sagt mir mein persönliches Empfinden, dass ich mit einem Schwein nicht umgehen darf, wie mit einem Stuhl. Wenn ich einen Stuhl gegen die Betonwand schmeiße, so dass er in tausend Teile zersplittert, so ist das vielleicht ein Akt des Vandalismus, aber es ist mein gutes Recht, wenn der Stuhl mir gehört. Aber wenn ich ein Ferkel mit dem Kopf voran gegen eine Betonwand schleudere, es ermorde, so ist das nach den Verfechtern des absoluten Eigentumsrecht auch in Ordnung, denn Tiere gelten immer noch als Sache. Sie haben keine Rechte. Selbst wenn der Tierschutz mittlerweile in der Verfassung steht. Ein Staatsziel. §5 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Schutz der Tiere besagt: „Es ist verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen.“ Werden dem Ferkel nicht ungerechtfertigte Schmerzen und irreparable Schäden zugefügt, wenn ich es an die Wand schmeiße, um es zu töten? Oder ist der Ertrag eine Rechtfertigung? Ein Ferkel, das nicht gesund ist, kostet zu viel. Der Tierarzt muss kommen. Medikamente müssen verabreicht werden. Deshalb wird es getötet. „Nein, das tut der Bauer nicht“, heißt es, „Er wird nicht seine Lebensgrundlage umbringen.“ Schön gesagt, nicht durchdacht. In der Rechnung sind 25% Ausschuss vorgesehen. Kollateralschäden. Ein Viertel der Tiere sterben, während der Aufzucht. Das ist miteingerechnet. Wenn er ein kränkelndes Tier nicht tötet, dann frisst es weiter. Es wird schlecht wachsen. Es ist eine einzige Fehlinvestition. „Und woher weißt Du, dass der Bauer das macht, wenn Du doch nicht in den Stall hineinsiehst oder bist Du doch eingebrochen und hast seine Rechte verletzt?“ Ich habe Fotos bekommen und Videos, von Menschen, die nicht genannt werden wollen. Sie wollen schließlich keinen Ärger bekommen. Man darf es nicht sehen, dass der kleine Eber nach der betäubungslosen Kastration einfach zugrunde geht. Es geht nicht darum, dass es nicht geschehen darf. Sehen soll es nur niemand. Gerade wurden die miserablen Zustände öffentlich. Der Bauer steht vor dem Stall und weint. Wegen der schlechten Nachrede im Ort. Hätte es niemand aufgedeckt, wäre alles so weitergegangen wie bisher, so wie immer. Aber radikale Tierrechtsaktivist*innen machen die Stalltüren weit auf und zeigen die ungerechtfertigten Schmerzen, Leiden und Schäden. Dann werden sie bestraft und inhaftiert. Sie, die Tierrechtsaktivist*innen. Danach werden die Stalltüren wieder zugemacht und alles ist wieder so, wie es war. Dem Recht ist Genüge getan. Eigentum ist wichtiger als Leben. Genauso wie in den Laboren. Dezidiert ausgenommen vom Tierschutzgesetz sind Tiere in Laboren. Wissenschaft zählt mehr als Leben. Auch wenn niemand erklären kann, warum Tierversuche gemacht werden. Außer um damit viel Geld zu verdienen. Wie man es dreht oder wendet, letztendlich steht der Profit immer über anderen Gesetzen, ungeschrieben. Sobald jemand mitverdient, scheint das Credo zu sein, gibt es eine Rechtfertigung für alle Schmerzen, Leiden und Schäden. Man spricht es nicht aus. Aber es gibt keine sonstige Begründung. Man kann doch nicht hingehen und sagen, dass die Milliarden Opfer völlig sinn- und nutzlos waren. Sind sie auch nicht, denn sie haben vielen Menschen viel Geld eingebracht. Den Züchtern. Den Laboren. Den Wissenschaftlern. Und wo sonst könnte man seinen Sadismus sonst unbegrenzt ausleben, ohne dafür gestraft zu werden, mehr noch, man erhält auch noch Auszeichnungen. Rene Descartes hat seine Hunde noch öffentlich angenagelt, bevor er sie bei lebendigem Leib aufgeschnitten hat. Heute geschieht es hinter verschlossenen Türen. Die Leute haben kein Verständnis mehr dafür. Sie verstehen es nicht, heißt es. Aber so lange es im Geheimen geschieht, ist alles gut. Dann können wir immer noch so tun, als wäre es nicht wahr und wer beweise vorlegt, wird bestraft. So einfach kann man es sich machen.

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