Bis zum Schluss

Du liegst auf Deinem Lieblingsplatz in der Sonne. Du magst die Wärme. Ich sitze bei Dir und streichle Dich. Dein Atem geht gleichmäßig, aber man kann es hören, dass Du nicht ungehindert atmen kannst. Wenn Du ruhig liegst, ist alles gut. Du hast die Augen geschlossen und ich streichle Dich, spüre die Wärme Deines Körpers und die Ruhe, die von Dir ausgeht. Streicheln ist gut für den Kreislauf, habe ich gelesen. Kann sein. Ein positiver Nebeneffekt, denn vor allem verbindet es. Wir sind einfach da. Früher, als Du noch jünger warst, kamst Du und hast es eingefordert, das Streicheln. Jetzt bist Du alt, liegst mehr als früher und wenn ich zu Dir komme, Dich zu streicheln, ist es gut. Die Haare sind weiß geworden und alles geht ein wenig gemächlicher von statten, als früher. Dabei kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass Du als kleiner, quirliger Welpe zu uns kamst.

Dabei sind mittlerweile mehr als zehn Jahre ins Land gezogen. Wo ist die Zeit nur hingegangen? Seitdem bist Du immer um mich gewesen. Ich konnte und kann es mir nicht vorstellen, dass es je anders sein würde. Eifrig bist Du zur Türe gelaufen, wenn ich nach Hause kam, mich zu begrüßen. Jetzt machst Du es nicht mehr. Du wartest geduldig, bis ich zu Dir komme. Es ist so, wenn man alt wird. Das ist bei Hunden nicht anders, als bei Menschen. Wir müssen auch öfter zum Tierarzt als früher. Nach wie vor wehrst Du Dich heftig dagegen. Es ist schwer zu erklären, eigentlich unmöglich, dass es zu Deinem Besten ist und ich es nicht tun würde, wäre es nicht notwendig. Der Tierarzt ist einfühlsam, weiß mit Deinen Macken umzugehen. Hingehen willst Du trotzdem nicht. Ich kann es verstehen. Auch Deine Eigenheiten, die im Alter mehr werden. Stur warst Du schon immer, aber mit den Jahren ist es intensiver geworden. Wenn Du nicht willst, dann lasse ich Dir Deinen Willen, außer wenn es um den Besuch beim Tierarzt geht. Irgendwann wirst Du die Treppen nicht mehr hinaufsteigen können. Dann werde ich mit Dir auf der Matratze im Erdgeschoss schlafen, wie ganz am Anfang, als Du noch zu klein warst, die Stiegen zu bewältigen. Alles scheint sich zu wiederholen, nur dass es Damals ein Anfang war und nun dem Ende entgegengeht. Unausweichlich. Ich weiß nicht, wieviel Zeit uns noch bleibt, aber ich werde bei Dir sein, so wie Du bei mir, über all die Jahre. Als Du zu uns kamst, habe ich mich entschieden, die Verantwortung für Dich zu übernehmen, egal was passiert. Das löse ich ein, bis zum Schluss. Du hast mein Leben mit Wärme und Freude erfüllt, vertraust mir. Wie könnte ich Dich alleine lassen? Vielleicht hast Du das Glück einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Es kann aber auch sein, dass Du durch Krankheit geschwächt, erlöst werden muss. Auch da werde ich bei Dir sein. Viele lassen ihre tierlichen Freund*innen in diesem Moment alleine. Ich könnte es mir nicht vorstellen. Du wirst es wissen, was vor sich geht, weil es anders ist als sonst. Manche ersparen sich das überhaupt und geben ihre Tiere, die sie durch viele Jahre begleitet haben, im Tierheim ab, weil sie alt werden. Dann sitzen sie, allein und verlassen in einem Käfig und verstehen nicht, warum sie ihre menschlichen Freund*innen plötzlich nicht mehr haben wollen. Daran gibt es auch nichts zu verstehen. Nachdem die Besitzer*innen über lange Zeit einen emotionalen Mehrwert aus ihnen gezogen haben, schieben sie sie einfach ab, wie ein altes Möbelstück, das nicht mehr taugt. Wie kann ich das nur über mich bringen, ohne zwingende Gründe? Allein der Gedanke an diese Möglichkeit, müsste einem fühlenden Menschen das Herz brechen. Doch vielen sind Lebewesen egal. Als gäbe es keine Verbundenheit und keine Erinnerung. Ich schüttle die trüben Gedanken ab und sehe Dich an, wie Du nach wie vor ruhig daliegst, mit geschlossenen Augen und meine Hand über Dein Fell gleitet. Auch das ist nicht mehr so weich wie früher. Ein wenig struppig ist es geworden. Aber ich liebe Dich, genau so wie Du bist, damals und heute, mit all Deinen Macken und Eigenheiten, so wie Du mich als Mensch bedingungslos angenommen hast, mit all meinen Macken und Eigenheiten. Auch, dass ich Dich zum Tierarzt schleppe. Es ist schnell wieder verziehen. Ich kann nicht sagen, wieviel gemeinsame Zeit uns noch bleibt. Vielleicht Jahre, vielleicht nur mehr Monate, aber eines ist gewiss, ich werde bei Dir sein bis zum Schluss.

4 Gedanken zu „Bis zum Schluss

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s