Immer an meiner Seite

Ich sitze auf den Stiegen, die zur Eingangstüre zum Haus meiner Großeltern führen und versuche mich zu sammeln. Wann war ich das letzte Mal hier gewesen? Es muss viele Jahre her sein. Nichts mehr ist, wie es damals war. Meine Großeltern sind schon lange tot. Jetzt wohnt meine Tante in dem Haus, aber das ist nicht der Grund, warum ich ungern herkomme. Denn schon in diesem Damals, als sie noch lebten, war nichts mehr, so wie es vorher war. Vor dem Damals war eine glückliche Zeit für mich, diese ersten Jahre meines Daseins. Eigentlich bin ich hier aufgewachsen und mit an meiner Seite, so lange ich denken konnte, ein schwarzer Spaniel.

„Asta“, hörte ich mich in meiner Erinnerung die kleine, schwarze Cockerspanieldame begrüßen, die mir bereits entgegenlief, schwanzwedelnd, freudig, „Es ist so schön, dass Du da bist.“ Um es nicht nur zu sagen, sondern ihr auch meine Freude zu zeigen, streichelte ich sie ausgiebig. Dann machten wir uns auf zu einem Spaziergang. Wenn ich traurig war, dann verkroch ich mich unter eine Trauerweide, deren Äste bis zum Boden reichten und damit ein uneinsehbares Versteck boten. Vor neugierigen Blicken und ebensolchen Fragen. Nur die kleine Asta war bei mir. Sie fragte nicht, forderte nichts, sondern legte einfach ihren Kopf auf meine Beine. Es war gut, dass da jemand einfach da war und akzeptierte, dass man über einen Schmerz nicht sprechen wollte. „Erzähl jetzt endlich was los ist und wenn Du es nicht erzählst, dann kann nichts los sein. Dann schau aber auch nicht so. Du weißt ja gar nicht wie gut es Dir geht“, pflegte meine Großmutter zu sagen. Deshalb versteckte ich mich mit meiner Traurigkeit. Oft genügt es, einfach nur da zu sein. Aber das verstehen viele Menschen nicht. So sehr ich meine Großeltern auch liebte, aber ein Haus ohne Asta konnte ich mir nicht vorstellen. Und dann kam der Tag, an dem ich das Gartentürl öffnete, aber kein Hund auf mich zustürmte. Die ganze Woche hatte ich mich auf diesen Besuch gefreut, doch dann waren da nur Leere und Stille, bedrückende Leere und Stille. „Gut, sie wird schlafen“, versuchte ich mich zu beruhigen, denn sie war zu dem Zeitpunkt bereits sehr alt. Deshalb ging ich ins Haus und suchte alles ab, aber ich fand sie nicht. Endlich sprach ich meine Großmutter darauf an.
„Wo ist Asta?“, fragte ich sie.
„Wir haben sie vor ein paar Tagen einschläfern lassen müssen“, war ihre lapidare Antwort, „Wir können in 20 Minuten essen.“
Ich stand da, wie versteinert. Eingeschläfert? Einfach so? Was war geschehen? Warum hatte mir niemand etwas gesagt? Die Fragen schossen in meinem Kopf hin und her, doch ich brachte kein Wort heraus. Sollte ich mich unter die Trauerweide setzen? Doch wer hätte mich getröstet? Es war so unbegreiflich, dass sie nicht mehr da war, aber auch, dass so getan wurde, als wäre nichts geschehen, nichts, was der Erwähnung wert gewesen wäre. Es war mir, als würde mein Herz zerreißen. Wortlos drehte mich um und verließ das Haus. Ich konnte nicht mehr bleiben, es nicht aushalten, da sie nicht mehr da war. Ich wusste nicht, wohin ich wollte, nur, dass ich von hier fortmusste, auch von dem Schmerz. Aber wie entkommt man einem Schmerz? Irgendwann kam ich zu Hause an. Meine Mutter öffnete mir die Türe.
„Was ist passiert? Was machst Du da?“, fragte sie stirnrunzelnd.
„Asta ist tot“, war das Einzige, was ich sagen konnte.
„Ich weiß“, meinte meine Mutter nur.
„Und warum hat mir keiner was gesagt?“, entfuhr es mir endlich, als hätte ich gerade eben erst die Sprache wiedergefunden.
„Wir wollten Dich nicht aufregen“, meinte meine Mutter lapidar, „Wissen Deine Großeltern wo Du bist? Sie werden sich Sorgen machen.“
Ohne zu antworten, ging ich mein Zimmer und verschloss die Türe hinter mir. Ich fühlte mich verraten und hintergangen, von Menschen, die sich keinen Deut darum zu kümmern schienen, wie es mir ging. Und da sollte ich glauben, dass sie sich Sorgen machten?

Ich sitze da und denke an diesen schrecklichen Tag. Natürlich wurde es leichter mit der Zeit, doch zu meinen Großeltern fuhr ich lange Zeit nicht mehr. Noch heute sehe ich das kleine Mädchen, das ich war, fühle ihren Schmerz und ihre Verlassenheit. Letztendlich stehe ich doch auf und klingle. Vielleicht ist es auch gut, erlebt zu haben, dass sie da war, die Asta, immer an meiner Seite.

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