Menschen aus Freilandhaltung

Volker Matis, seines Zeichens Sekretär des Vorsitzenden des Clubs der 10 Großen, worunter die zehn größten Konzerne der Welt fallen, konnte sich glücklich schätzen, am geheimen Gipfel teilnehmen zu können. Innerhalb kürzester Zeit hatte er es geschafft, für seinen Chef, Herrn Hademar Wilhelm-Cock, unentbehrlich zu machen. Vorsichtig schaltete er das Aufnahmegerät ein, um die Eröffnungsrede seines unmittelbaren Vorgesetzten aufzuzeichnen.

Meine sehr geehrten Herren und Kollegen!

Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht. Dass dies überhaupt möglich ist, haben wir natürlich unserem kaufmännischen Geschick, der Risikobereitschaft und unserem unermüdlichen Fleiß zu verdanken. Selbstverständlich. So dass wir es geschafft haben mittlerweile den Großteil der von uns bearbeiteten Märkte unter unserer unmittelbaren Kontrolle zu haben. Das ist ein großartiger Erfolg und sämtliche Prognosen deuten darauf hin, dass wir es bald geschafft haben werden, sämtliche wirtschaftlichen Vorgänge in unserem unmittelbaren Einflussbereich zu haben. Daran konnten auch die fortwährenden Allüren der Arbeitsverweigerer, sie nennen sich auch Öko- oder Tieraktivisten, Konsumentenschützer etc. Auch sie müssen ihren Platz haben, sonst heißt es schnell, wir lebten in einer Diktatur. Lassen wir ihnen ihre Spielwiese, aber alles unter Aufsicht. Das haben wir alles im Griff. Trotz all unseren Einsatzes dürfen wir niemals darauf vergessen, dass wir diesen umfassenden Erfolg und Einfluss unseren Vätern und Vorvätern zu verdanken haben. Sie haben quasi die Grundsteine dafür gelegt, dass die Humanressourcen so klaglos funktionieren.

Vielleicht ist es nicht mehr jedem bekannt, aber dass die Menschen in Europa und den USA mittlerweile so gut funktionieren, ist harter Arbeit und strenger Maßnahmen zu verdanken. Man darf nicht vergessen, dass zu Beginn der sog. Industriellen Revolution die meisten Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet haben, d.h. sie arbeiteten entsprechend der Natur, hatten keine Disziplin und keinen Ehrgeiz. Das musste ihnen erst antrainiert werden. Man kann sich das heutzutage kaum mehr vorstellen, aber allein sie dazu zu bringen, jeden Tag zur selben Zeit in der Fabrik zu erscheinen, war eine Herausforderung. Der Faktor Schule als Disziplinierungsort war noch weithin unbekannt. Man war gezwungen, um zumindest ein Mindestmaß an Arbeitern zu haben, diese an den Maschinen anzuketten. Ich weiß, das ist inzwischen auch in unseren Kreisen verpönt, doch denken sie daran, dass das Lösen der äußeren Fesseln nur durch den unermüdlichen Aufbau innerer Fesseln möglich war und ist. Nicht der äußeren Peitsche bedarf es mehr, denn sie ist durch die innere ersetzt worden. Über viele Jahre hinweg wurden die Menschen in Betrieb und Schule so weit diszipliniert, dass sie diese Werte verinnerlichten. Dieser innere Antrieb, in der Früh aufzustehen, jahrelang einer sinnentleerten Tätigkeit nachzugehen, um sich irgendwann in den Ruhestand zu verabschieden, aber auch die Angst vor Arbeitslosigkeit, der Armut und davor, sozial im Abseits zu stehen, sind Faktoren, die es möglich machen, sie nunmehr in Freilandhaltung zu belassen. Denn wir können sicher gehen, dass sie nach einem Wochenende, einem Urlaub wieder im Betrieb erscheinen werden. Politik und Medien üben sich auch ohne Unterlass daran, den Menschen die Werte einer bürgerlichen, arbeitsteiligen Gesellschaft einzuimpfen. Ein guter Mensch ist einer, der in der Früh aufsteht, brav arbeitet, am Abend nach Hause geht und sich für den nächsten Tag ausruht. In seiner Freizeit muss er konsumieren und unsere Produkte zahlen, so dass sich wieder eine Kreislaufwirtschaft ergibt, die darin mündet, dass das Geld immer zu uns zurückkommt. Leider haben wir dies in vielen, sog. Entwicklungsländern noch nicht erreicht. Aber aus der Geschichte wissen wir, wie es zu handhaben ist, so dass wir bald überall auf der Welt arbeitsbewusste, konsumgeile Menschen haben werden, die wir nicht mehr überwachen müssen und damit in ebensolche Freilandhaltung entlassen können. Dies wird die Herausforderung sein, der wir uns in den nächsten Jahren stellen müssen und werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Während der Applaus noch toste, schaltete Volker Matis das Aufnahmegerät ab. Diese Aufzeichnungen wären sicher interessant für die Menschen, doch weiter als im inneren Aktivist*innenkreis konnte er es nicht verbreiten, denn die Medien, die ebenso, wie alles andere, in der Hand des Monopolisten waren, würden es nicht wagen, dies zu veröffentlichen. Und selbst wenn, es wäre sehr schwer die Menschen dazu zu bewegen, es zu glauben. Schließlich wussten sie aus Erziehung und Schule, was gut für sie war. Das würden sie als erfunden abtun und sich nicht gegen die Unterdrücker, sondern gegen die Aufdecker wenden. Dennoch würden sie es versuchen. Es war noch nicht zu spät.

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