Leidensüberfluss – überflüssiges Leiden (1)

Waldspaziergang. Ein Reh äst in aller Ruhe. Dann ein Geräusch. Es flieht. Rehe sehe ich öfter. Auch Wildschweine. Hasen, die übers Feld hoppeln. Hirsche kreuzen meinen Weg. Gemächlich. Nein, von mir geht keine Gefahr aus. Erst ein einziges Mal hatte ich das Glück einen Fuchs zu sehen. Ganz kurz nur. Dann war er wieder verschwunden. Sie haben Angst. Vor dem Menschen. Vor denen, mit den Gewehren. Aber woher sollen sie wissen, dass ich kein Gewehr habe? Hirsche scheinen es zu wissen. Und Wildschweine. Es gibt Schonzeiten. Zumindest für die Hirsche und Rehe. Nicht für Wildschweine und Füchse. Deshalb sind sie so scheu.

„Man muss sie schießen, die Füchse, denn sie übertragen die Tollwut und den Fuchsbandwurm“, heißt es.
Die Tollwut wurde ausgerottet. Nicht durch die Jäger. Durch eine Immunisierung mittels Impfung. Die Chance den Fuchsbandwurm zu bekommen steht 1:1.700.000.
„Und man muss sie schießen, weil sie sonst das Niederwild reißen“, heißt es.
Das Niederwild gilt als bedroht. Gemeint sind Hasen, Rebhühner und Fasane. In erster Linie. Deshalb werden sie geschossen. Würde es nun der Fuchs reißen, bliebe weniger für die Jäger*innen. Das geht nicht. Er ist unbeliebt. Ein Fressfeind. Die Mäuse sind die Nutznießer, die der Fuchs nicht fressen kann, weil er bleidurchsiebt irgendwo stirbt. Die Mäuschen vermehren sich hurtig. Bleibt mehr für die Raubvögel. Zu viel. Sie nehmen überhand und zerstören die Ernten. Doch der Jäger schießt den Fuchs.
„Fuchs Du hast die Gans gestohlen“, pfeift er lustig vor sich hin, während er den Hund in den Fuchsbau hetzt, in dem die Fehe verzweifelt ihre Jungen beschützt. Sie drängt den Hund aus dem Bau, weg von ihren Babies. Am Eingang warten vier mutige Männer und schießen sie tot. Dann kann man auch die Babies ihrem Schicksal überlassen. Elendiglich krepieren lassen. Ohne Mutter ist das so. Man stößt darauf an. Auf den Jagderfolg. Weidmännisch korrekt. Und die Verzweiflung einer Mutter, die nichts will, als ihren Nachwuchs zu beschützen.

Eingriff in die natürlichen Lebensräume. Im Frühjahr die Rehkitze mit den abgeschnittenen Beinen. Es war der Mähdrescher. Es gibt keine Rückzugsorte mehr. Nur noch Menschengebiet. Die verbliebenen Wildtiere sind Eindringlinge. Profitkiller. Sie laufen vors Auto. Können sie nicht an der Straße entlanglaufen, wenn sie in Panik fliehen? Sollten sie nicht so weit denken? Es ist gefährlich. Deshalb baut man Zäune. Brücken über Straßen. Noch mehr verbaut. Noch mehr Einschränkung. Wo die Natur auf die Zivilisation trifft, muss eine von beiden weichen. Im Normalfall die Natur. Sie fahren mit den Jeeps durch den Wald. Jeden Tag. Zum Füttern. Nein, das darf man nicht sagen. Es wird nicht gefüttert. Sie kirren. Es geht ums Anlocken. Dann fahren sie mit den Jeeps bis zum Hochstand und das Wild kommt von selbst. Aber Fußgänger stören. Sie machen Lärm. Die Jeeps nicht. Oder sie sind notwendig. Ein Waldspaziergang nicht. So wie ich ihn mache. Bloß zur Erholung. Meine Hunde trotten brav neben mir. Plötzlich entdecken sie etwas, im hohen Gras. Wild schnuppern sie, bis es keinen anderen Ausweg mehr sieht, als aufzustehen, das Reh. Aug in Aug stehen sie sich gegenüber, das Reh und die Hunde. Sanfte, dunkle Augen. Angst flackert darin. Für einige Sekunden sind alle drei wie versteinert. Sehen sich nur an. Nichts weiter. Dann endlich ergreift das Reh die Flucht. Erst jetzt rühren sich auch die Hunde wieder und wollen dem Reh nach. Der Jagdinstinkt erwacht, wenn das Beutetier sich bewegt. Ich nehme die Leinen fester in die Hand, doch es ist nur ein kurzer Reflex. Dann stehen sie wieder still neben mir und wir sehen dem grazilen Wesen nach, während es über die Wiese läuft und letztlich zwischen den Bäumen verschwindet.

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