Leidensüberfluss – überflüssiges Leiden (2)

Einmal sind wir auf ein Rehkitz gestoßen. Eigentlich haben es die Hunde gefunden. Es duckte sich ins Gras. Nicht weit neben dem Weg. Die Hunde hielten einen Respektsabstand. Die Mutter war in der Nähe. Ich konnte sie hören. Deshalb gingen wir. Wir ließen das Kitz in Ruhe, so dass sich die Mutter wieder hinkommen konnte. Es wagte. Es ist ungefährlicher für die Mutter, ihr Baby zu verstecken, als es mitzunehmen. Viele denken nach wie vor, das Kleine hat keine Mutter mehr und meinen, es retten zu müssen. Weil wir keine Erfahrung mehr haben, mit der Natur. Aber woher? Es gibt sie nicht mehr, die Natur. Vereinzelte Naturschutzgebiete. Selbst da wird gejagt. Eigentlich gewildert. Jagd ist ein Privileg. Man muss es sich leisten können. Wer jagt, um zu überleben, nicht zu verhungern, ohne eine Befugnis, wildert. Das ist strafbar. Überleben ist strafbar. Trophäen ergattern nicht. Wildern als Mittel nicht zu verhungern. Das ist die eine Seite. Die andere. Wildern, um ganz schnell viel Geld zu verdienen.

Die Raubkatze, die sich entspannt ausstreckt, während sich die Kleinen an sie kuscheln. Gerade eben haben sie noch herumgetollt. Jetzt liegen sie erschöpft im Gras. Gewärtig des Moments. Mehr haben sie nicht, den Moment, denn sie wissen um keine Zukunft. Desto mehr, da einzig, um den Moment. Miteinander. Satt, zufrieden. Wer weiß, was der nächste Moment bringt. Es wartet schon der Mensch mit dem Gewehr. Er hat auf diesen Augenblick gewartet. Das Tier, das inzwischen selten geworden ist, liegt entspannt und scheinbar unaufmerksam im Gras. Es sollte nicht täuschen. Ein falscher Schritt. Ein Zweig knackt. Schon ist die Mutter bereit, der sich nähernden Gefahr, entgegenzutreten. Sie kann es riechen. Auch die Angst. Dann zeigt er sich. Die Großkatze greift an. Mitten im Lauf wird sie getroffen. Sie sinkt tödlich getroffen in sich zusammen. Die Kleinen sind leichte Beute. Dann nehmen sie sie mit. Wegen des Fells. Sie bekommen viel Geld dafür. Andere werden lebendig eingefangen.

Die Schimpansenmutter mit ihrem Baby. Man braucht sie für Tierversuche. Angeblich, um das menschliche Leid zu lindern, das z.B. durch Falten entsteht. Sie werden gefangen, damit man ihnen Botox spritzen kann. Während des Transports beißt die Mutter ihrem Baby den Kopf ab. Aus Verzweiflung. Als würde sie wissen, was für unendlichen Martyrien sie ausgeliefert werden. Lieber tot als zu leiden oder auch nur in Gefangenschaft zu sein. Bald werden sie ausgerottet sein. Die Menschenaffen. Der Verschleiß ist zu hoch. Gierig verschlingen die Labore ihre Opfer. Viele sterben auf dem Transport. Andere werden nicht gefangen, sondern kommen in den Flammen um, wenn Regenwälder niedergebrannt werden. Orang-Utans für Soja. Oder Palmfett. Für Tierfutter aus Soja. Für Biodiesel aus Soja. Und Palmfett für die billige Auffettung von Fertigprodukten. Immer billiger und billiger. Damit wir immer mehr kaufen können, was wir nicht brauchen.

Wir leben im Überfluss, viele von uns. Wir kaufen Überflüssiges. Überflüssiger Überfluss. Statt überfließender Überfluss, an Gedanken und Miteinander und Beobachtung, ohne zu töten oder zu besitzen oder Begegnung. Auch mit dem scheuen Fuchs. Was nicht zählt.

Waldspaziergang. Ruhe und Einkehr und Verbundenheit. Es braucht nicht mehr. Glück, das man nicht kaufen kann. Wohlfühlmomente, die mir geschenkt werden. Das Rascheln der Blätter im Wind und das Singen der Vögel. Das immer seltener wird.
„Schuld sind die Hauskatzen, die die Vögel fangen und die Nester plündern“, heißt es. Dass ihre natürlichen Lebensräume zerstört werden, wird ausgelassen. Auch, dass die Insekten vernichtet werden, die ihre Lebensgrundlage bilden. Sie verhungern. Da können die Katzen nichts dafür. Der Mensch hingegen schon.
„Wie gut, jetzt muss ich nicht ständig die toten Insekten von der Windschutzscheibe kratzen“, fällt dem Autofahrer dazu ein. Autoschutz geht vor Artenschutz. Damit hat man auch mehr Umgang. Das Auto braucht man. Insekten sind lästig. Deshalb soll man sich auch im Sommer füttern, die Vögel, weil sie zu wenig zu essen finden. Aber auch die Futterhäuschen sind immer mehr verwaist.

„Wo sind all die Vögel hin? Wo sind sie geblieben?“, könnte man persiflieren. Es wird negiert, was offensichtlich ist. Dem normalen Menschenverstand nicht mehr getraut. Beobachtung, bloß das, ist unwissenschaftlich und kann nicht ernst genommen werden. Erst die Zählungen zeigen es und geben einen kleinen Einblick in das Ausmaß der Zerstörung.

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