Leidensüberfluss – überflüssiges Leiden (3)

Waldspaziergang. Am Ende des Waldes sind Schweine, die auf einer Weide gehalten werden. Ein ungemein seltener Anblick. Gezählte 15 Stück von ca. 1.500 Weideschweinen in Österreich. Wir bringen ihnen Leckerbissen mit. Freudig kommen sie angelaufen, freuen sich, nicht nur über das Futter, sondern auch die Aufmerksamkeit. Lebensfreude. Jetzt, da wir da sind. Dann geht es weiter zur anderen Weide.

Dort sind männliche Kühe, Bullen. Auch sie kommen zum Zaun gelaufen. Weil sie uns schon kennen. Wir werden nachhaltig begrüßt. Raue Zungen schlecken über meine Hand. Die Hunde- und die Kuhnasen treffen sich, neugierig und offen. Es gibt keine Widersprüche, auch keine Missverständnisse. Ich blicke in ihre Augen. Beeindruckend große Tiere mit den sanften, dunkelbraunen Augen. Man möchte sich darin verlieren. Geduldig sehen sie uns an. Als wollten sie mitkommen, auf unseren Spaziergang. Vielleicht auch einmal außerhalb ihres Verlieses grasen, das nur mehr niedergetrampelte Vegetation aufweist, dazwischen Schlammpfützen. Es sind zu viele für das bisschen Platz. Aber sie werden auch nicht mehr lange da sein. Bald kommen sie zum Schlachter. Dann werden neue geliefert. Obwohl es generell selten ist, dass männliche Kühe aufgezogen werden. Zumeist werden sie schon früher getötet oder über tausende Kilometer weit weg transportiert. Ich besuche sie, so lange sie noch da sind, um ihnen in die Augen zu sehen, während ich weiß, dass sie nicht einmal ein Zehntel ihrer natürlichen Lebensspanne eingeräumt bekommen. Dennoch wird der Platz eng. Noch mehr Felder, noch mehr Ställe. Die Wälder und die natürlichen Grünflächen müssen weichen. Damit wird der Platz enger für die Wildtiere. Wo sollen sie hin? Es ist ihr zu Hause. Es war ihr zu Hause. Jetzt wird es verbaut. Monokulturen. Wenn sie nicht genug zu fressen finden, in dem Bereich, der ihnen zuletzt noch zugestanden wird, dann gehen sie auf die Felder und suchen sich dort was zu essen. Sie zerstören die Ernte und die Bauern rufen nach den Jäger*innen. Sie kommen gerne, befreien die Landwirt*innen von den ungeliebten Besucher*innen. Wie weit kann das gehen? Bis die Wälder nur mehr große Zoos sind? Eingezäunt. Zum Schutz. Wir kennen die Auswirkungen und können es dennoch nicht lassen. Immer mehr Zivilisation. Immer weniger Natur.

Wir gehen wieder nach Hause, nachdem wir uns von den Rindern verabschiedet haben, ich es endlich schaffe, mich von ihren Augen loszureißen, dieser Freundlichkeit und Zugewandtheit. Auch an ihre Schlächter. Bis zuletzt bleibt die Hoffnung, dass es anders sein könnte. Ab und an kommt eines von ihnen auf einen Lebenshof. Dort kann man sie besuchen. Hühner, Schafe, Ziegen, Schweine, Kühe, Tiere, die die meisten von uns nicht mehr aus eigener Anschauung, sondern klein zerstückelt und sauber verpackt aus dem Supermarktregal kennen. Auf dem Bild das Tier auf der Weide. Auch wenn es nicht stimmt. Es fragt niemand. Man glaubt es. Man glaubt es gerne.

Würde man es zulassen können, wenn man ihm in die Augen gesehen hat und erlebt hat, wie es über die Weide tobt und sich des Lebens freut, wie sich das Baby an die Mama kuschelt, wie es Babies bei ihren Mamas tun. Hunde und Katzen und Kaninchen und auch Kühe. Die Dämmerung senkt sich über die Weide. Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Damit wir unseren Weg noch finden. Da raschelt etwas im Gebüsch. Ich sehe hin. Es ist tatsächlich ein Fuchs. Kurz sehe ich seine Augen aufblitzen, den langen, buschigen Schwanz, bevor er wieder im Unterholz verschwindet. Ich freue mich. Es gibt noch welche von ihnen. Und wer weiß, vielleicht überdenken wir unseren Umgang mit der Natur noch einmal, wenn wir endlich merken, dass das Verschwinden der Insekten und Vögel, der Amphibien und auch der Raubtiere, egal ob in der Luft oder am Boden oder im Wasser, letztlich auf uns zurückfällt. Und nicht nur überdenken, sondern unser Tun ändern.

Weg vom überflüssigen Überfluss hin zu einem überfließenden Überfluss an Erleben, auch in der Natur und Miteinander, wenn es wieder möglich ist, in Achtsamkeit und Respekt und Verstehen, mit der Natur und den Tieren, die uns so viel zu sagen vermögen, auch wenn sie nicht unsere Sprache nicht sprechen, mit ihren Augen, wenn wir hinsehen und verstehen wollen, und auch mit unseren Mitmenschen. Überfließender Überfluss, reichhaltig in dem, was das Leben befördert.

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