Ich gehe mit meinem Schwein spazieren

Ich habe zwei Schweine. Früher hatte ich Hunde. Als ich keinen mehr hatte und begann darüber nachzudenken, welchen ich denn retten könnte, von all den Millionen auf der Welt, kam ein Freund zu mir und meinte, ich könnte zwei Tieren, die niemand mehr brauchen kann, vor dem Schlachter retten. Das tat ich dann auch. Ohne zu fragen, was es denn für Tiere wären, was eher unvorsichtig von mir war, denn es hätten auch zwei riesige Bullen sein können, doch es stellte sich heraus, dass es zwei Schweine waren. „Das geht“, dachte ich mir. Deshalb zogen sie bei mir ein. Mit großer Begeisterung untersuchten sie den gesamten Garten, der von nun an ihr Refugium sein würde. Noch nie zuvor hatten sie herumtollen, spielen, wühlen und sich des Lebens freuen können, denn sie hatten bis zu ihrem Umzug in meinen Garten in einem geschlossenen Stall mit Betonspaltenboden über ihren eigenen Exkrementen, eingepfercht zwischen vielen Artgenoss*innen ihr Dasein gefristet.

Nach und nach genasen sie von ihren Krankheiten, die ihrer bisherigen Haltungsform geschuldet waren. Merle und Merlin hatte ich die beiden getauft. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie gelernt auf ihre Namen zu hören. Eines Tages beschloss ich mit den beiden spazieren zu gehen, aber nachdem Merle sich ohne viel Federlesens das Brustgeschirr anlegen ließ, Merlin hingegen es vorzog auf der Wiese zu bleiben, zog ich nur mit ihr los. Zunächst gingen wir ein Stück durch den Wald, bis wir den Nachbarort erreichten. Alle, die uns sahen, blieben verwundert stehen und starrten uns an. Ein Autofahrer vergaß ganz offensichtlich, dass er seinen Wagen steuerte und man hörte nur mehr, dass der Motor abstarb, woraufhin lautstarkes Hupen ertönte. Menschen, die uns kannten, blieben stehen und plauderten mit mir.
„Also Dir ist auch wirklich nichts zu blöd“, eröffnete eine Bekannte das Gespräch, die mir nicht unbedingt wohlgesonnen war.
„Wie meinst Du das?“, gab ich mich arglos.
„Du kannst mir doch nicht erzählen, dass das normal ist, mit einem Schwein spazieren zu gehen. Und dann schlachtest Du es, damit wir Schnitzel haben“, erklärte sie mir.
„Was normal ist, ist nur eine Frage der Perspektive. Mit Hunden an der Leine spazieren zu gehen ist doch auch normal. Wo ist der Unterschied?“, erwiderte ich.
„Dass Hunde dafür da sind, Gefährten für Menschen zu sein und Schweine dafür, gegessen zu werden“, gab sie zurück.
„Ganz abgesehen davon, dass diese Einteilung fragwürdig ist, heißt das also, man darf nur mit Tieren spazieren gehen, die man nicht isst?“, fragte ich.
„Auf jeden Fall ist es unnatürlich“, schnaubte sie.
„Das stimmt. Tiere an eine Leine zu legen ist unnatürlich, egal ob Schwein oder Hund oder sonst ein Lebewesen“, fasste ich zusammen, womit ich Merle ableinte.
„Das kannst Du doch nicht machen!“, stieß meine Bekannte keuchend hervor, „Was ist, wenn es mich anfällt und beißt?“
„Hören Sie, was machen Sie da“, vernahm ich nun eine Stimme hinter mir, als ich gerade im Begriff war zu erklären, dass Schweine niemanden anfallen. Ich wandte mich um und sah mich einem Polizisten gegenüber. Es war eine diffizile Frage, weil ich eigentlich nur dastand, in besagtem Moment und eine Leine in Händen hielt.
„Nichts“, erwiderte ich deshalb wahrheitsgemäß.
„Erzählen Sie keinen Unsinn“, meinte er postwendend, „Sie führen ein Schwein spazieren, was eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Es könnte angreifen oder Krankheiten übertragen. Also gehen Sie brav wieder nach Hause.“ Im selben Moment kam ein großer, schwarzer Hund auf uns zugetrottet. Die beiden, der Hund und meine Schweinedame begrüßten sich, als wären sie alte Bekannte, doch dem Besitzer schien das nicht zu gefallen. Mit aller Kraft zerrte er seinen Hund von meinem Schwein weg, um dann aus sicherer Distanz zu rufen, dass wir ein Ärgernis für den Ort darstellten. Ich blickte mich um. Offenbar war uns die Aufmerksamkeit sämtlicher Personen, die sich in Sichtweite aufhielten, sicher. Manche suchten abrupt das Weite, andere sahen Merle mit diesem gierigen Blick an, der mich erschauern ließ. Vielleicht war es tatsächlich keine gute Idee gewesen, sie dieser kranken Umgebung auszusetzen. Deshalb drehten wir um und gingen nach Hause. Es war mir, als würde sie laut aufseufzen, als sie endlich wieder mit Merlin zusammen war und im Boden wühlen konnte. Was für ein Glück, dass Schweine nicht degeneriert genug sind, um sich in der Stadt wohlzufühlen.

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