Was man alles nicht sagen darf

Ich möchte noch einmal die Definition der von Veganismus der Vegan Society aus dem Jahre 1979 bemühen, nur um von vornherein eindeutig festzulegen, was die Grundlage für die folgenden Aussagen bildet:

„Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.“

Die Liste dessen, wobei Tiere in unserer Gesellschaft ausgebeutet werden, ist lang. Offensichtlich ist es bei Fleisch, Milch und Eiern, also bei der Überführung eines Lebewesens in ein Lebensmittel, das fein säuberlich irgendwo in einem Regal liegt, wobei unter Fleisch – was logisch sein sollte, aber immer noch nicht passiert – auch Fisch fallen sollte. Um den Bedarf bei der bisherigen Lebensweise zu decken, sterben pro Jahr 60.000.000.000 Landtiere und rd. 2.000.000.000.000 Wasserbewohner. Davon stammen 120.000.000.000 von sog. Fischfarmen, die wiederum gefüttert werden, und zwar mit Fisch, neben Antibiotika. Neben diesen Milliardenfachen Morden existieren noch weitere ausbeuterische Praktiken. Leiden für Wolle, Daunen, Pelz, für Tierversuche oder als Entertainment in Zoo und Zirkus, beim Rodeo, Stier-, Hunde- oder Hahnenkampf, beim Singvogelfang, beim Turnier- oder Dressurreiten, bei Pferde- oder Hunderennen. Auch die Mode mischt mit, wenn lebende Tiere in Modeaccessoires verwandelt werden. Hummer werden nach wie vor lebendig gekocht, Gänse für die Leber gestopft und lebendig gerupft. Die Liste ließe sich wohl noch beliebig fortsetzen, aber die Conclusio ist, wir misshandeln unsere Mitgeschöpfe aus Gründen, die eigentlich völlig inakzeptabel sind, wegen des Amüsements, der Schönheit oder einfach, weil wir Spaß daran haben, zu quälen.

Es wäre so leicht, all das Leiden zu beenden, und ich habe noch niemanden getroffen, der mir offen ins Gesicht sagte, „Ja, ich will, dass meine Mitgeschöpfe leiden“. Dennoch wollen Veganer*innen nichts anderes, als mit ihrer Lebensweise das Leiden zu beenden. Das Leben selbst ist geprägt von Leiden und Schmerz, deshalb ist es das Mindeste, all das Leiden zu vermeiden, das ich vermeiden kann. Vermeiden kann ich dort, wo ich Verursacher*in bin bzw. die Auftraggeber*in. „Einfach sein lassen“ ist die Botschaft, und dadurch, dass Veganer*innen diese Vorgabe vorleben, sieht man, dass es durchaus machbar ist.

Doch was passiert, wenn man sagt, ich verwende nichts, was vom Tier kommt, weil wegen mir kein Mitgeschöpf leiden soll. Dann wird man als radikal und militant und unsozial gebrandmarkt. Nein, man darf es nicht sagen, dass es keineswegs radikal ist, Leiden zu vermeiden. Das ist alles worum es geht. Nichts weiter. Es wäre so einfach.

„Dann kümmert Euch doch mal um das Leid der Menschen“, bekommt man postwendend zu hören. Aber dass wir es tun, indem wir mithelfen, dass keine Regenwälder für die Tiernahrung gerodet werden und damit keine indigenen Völker mehr vertrieben werden, dass die vegane Ernährung verhindern könnte, dass 800.000.000 Menschen auf der Welt hungern müssen, weil wir ihnen nicht die Grundnahrungsmittel für unsere sog. „Nutztiere“ wegnehmen, das zählt dann nicht. Nein, auch das darf man nicht sagen.

Dass mit einer veganen Ernährung und der damit einhergehenden Umstellung in der Agrarproduktion, die Antikbiotikaresistenzen und die Pandemien vermieden werden können, die durch unseren Umgang mit der Natur, die wir entweder für die Tierhaltung oder -fütterung plattmachen oder für neue Straßen, das darf man auch nicht sagen. Schließlich haben wir jetzt eine Impfung und damit ist alles gut. Nichts gegen die Impfung. Aber sie ist reine Symptombekämpfung. Die Ursachen der Pandemien bleiben bestehen. Aber auch das darf man nicht sagen.

Zusammengefasst kann man sagen, nein, man darf nichts sagen, was für weniger Leid auf der Welt sorgen würde, vor allem, wenn es ums Essen geht. Sofort wird einem vorgehalten, dass man den anderen ihr Verhalten vorwirft, auch wenn man nur die Fakten darlegt. Nichts weiter. Fakten und Tatsachen werden zu Vorwürfen umgemodelt und sofort zum Gegenangriff übergegangen. Aber ja, richtig geraten, auch das darf man nicht sagen.

2 Gedanken zu „Was man alles nicht sagen darf

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