Blut, überall Blut

Wir sitzen in der Höhle und starren an die Wand, nicht angebunden, zumindest nicht durch physische Fesseln, sondern gehalten durch Konventionen, soziale Abmachungen und scheinbare Unausweichlichkeiten. Wir bewegen uns nicht, damit wir uns der Illusion hingeben können, wir wären durch Fesseln gebunden. Erst, wenn wir uns bewegten, würden wir bemerken, dass es keine Fesseln gibt. Illusion von heiler Welt in Anbetracht des Unterganges, weil es uns die Bilder sagen. Nein, es ist nicht schlimm, sondern gut. Wir müssen nur immer so weitermachen, wie bisher. Nicht ablenken lassen vom bisherigen Weg, der doch erfolgreich war. Alle leben im Wohlstand. Alle haben einen Kühlschrank und ein Auto und einen Fernseher. Wer es nicht hat, ist selbst schuld. Ein Weg der Erfolgreichen, wenn man nur brav sitzen und der Illusion treu bleibt.

Ich sehe auf den Boden, unvermittelt. Ein kleiner Rinnsal Blut bahnt sich seinen Weg. Ich beobachte dieses kleine Rinnsal, das niemand sonst zu bemerken scheint, auch wenn es unter allen durchläuft. Es ist schmal und wird auch nicht breiter, aber es wird stetig gespeist von … Ja, wovon eigentlich? Ich will nicht länger nur zusehen, betrachten, sondern ich will wissen, woher es kommt. Deshalb verlasse ich meinen Platz. Sofort werde ich verwiesen. Nein, man darf nicht aufstehen, nicht die Illusion aus dem Blick verlieren. Das ist das erste Anstößige, das ich tue. Doch es bleibt nicht dabei, denn ich folge dem Rinnsal, dem stetig sich füllenden Rinnsal von Blut und gelange an eine Türe. „Zutritt verboten“ steht da, aber auch davon lasse ich mich nicht beirren. Das ist das zweite Anstößige, das ich tue. Doch es bleibt nicht dabei, denn ich öffne die Türe und trete ein.

An einer langen Schlachtreihe werden Tiere hingemetzelt. Es gibt kaum eine Spezies, die ausgelassen wird. Schweine, Kühe, Hühner, Schafe, Ziegen, ja natürlich, in erster Linie, aber auch Hunde, Katzen, Kaninchen, Hamster, Wildtiere, Haie, Wale, Fische, alle werden sie hingemetzelt und ihr Blut nährt das Rinnsal. Milliardenfacher Mord, der auf der Wand der Illusionen verkürzt wird auf ein saftiges Stück Fleisch, das einmal Leben war. Wir lassen es zu, diesen milliardenfachen Mord, weil wir das Leben essen wollen und dabei nur den Tod erreichen. Blut, das unseren Mund nicht erreicht, aber an unseren Händen klebt. Nur, weil wir meinen, es essen zu müssen.

Ich trete durch die zweite Türe, wohinter Babies ermordet werden. Hühnerbabies, funktionslos, da männlich, Kuhbabies, funktionslos, da männlich, während ihre Mütter dazu getrieben werden, immer mehr zu produzieren, weil wir ihre Erzeugnisse, die Früchte ihres Leibes, essen wollen. Wir meinen uns Leben zuzuführen, dabei ist es nur der Tod. Das vergossene Blut erreicht unsere Herzen nicht, und doch klebt es an unseren Händen. Nur, weil wir meinen, es essen zu müssen.

Ich scheue mich nicht, auch die dritte Türe zu öffnen und einzutreten. Dahinter werden Tiere gehäutet, ihre Wolle oder ihre Federn grausamst entfernt, die sie brauchen und nicht wir. Sie sterben nicht sofort, sondern erleiden unvorstellbare Qualen, weil wir sie anziehen wollen, sie als Prestigeobjekt sehen, an unseren Handgelenken, an unseren Füßen, als Taschen und Geldbörsen, in denen wir das Geld stecken, mit dem wir diese Grausamkeiten bezahlen. Die Produkte selbst sind sauber und adrett, man sieht ihnen das Blut nicht an, das es kostet, aber es klebt an unseren Körpern, die sie tragen, an Händen und Füßen und Köpfen. Nur, weil wir meinen, sie anziehen und uns damit ausstaffieren zu müssen.

Ich kehre zurück, stelle mich zwischen die Menschen und die Bilder der Illusion und erzähle ihnen von den Vorgängen, die ich gesehen habe, hinter den Türen, weise auf das Rinnsal auf Blut. Nein, sie hören nicht auf, sie sehen nicht auf den Boden, um das Rinnsal zu sehen, sondern beginnen Steine auf mich zu werfen. Denn ich habe es gewagt, aufzustehen, die Türen zu durchschreiten. Doch das Schlimmste war, dass ich zurückkehre, um ihnen zu sagen: Wir haben schuld, schuld an diesem milliardenfachen, überall und immer stattfindenden Morden, schuld an einer Gesellschaft, die nur mehr Tod und Leid und Ausgrenzung und letztlich Wahnsinn produziert. Sie steinigen mich zu Tode, damit ich ruhig bin und nicht mehr zwischen ihnen und der Illusion stehe. Und mein Blut mischt sich mit dem in dem Rinnsal, dem Blut derer, die nur leben wollten.

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