Ihr habt mir mein Kind gestohlen (3)

Meinen unbekannten Babies!

So lange ich denken kann, lege ich Eier, inmitten von vielen anderen. Es ist so eng, dass ich mich kaum bewegen kann. Dabei ist es eine gute Haltung, wie ich hörte, Bodenhaltung. Doch es ist einfach nur eng und stinkt. Aber all das könnte ich ertragen, wenn nicht die Sache mit meinen Babies wäre. Ich lege Eier, weil ich eine Henne bin. Mein Körper tut es. Jeden Tag lege ich ein Ei. Aber ich weiß noch mehr.

Eigentlich lege ich Eier, weil ich mein Nest füllen möchte. Wenn es gefüllt ist, dann setze ich mich darauf und wärme sie, damit daraus Leben kommt, eines Tages, Ihr, meine Babies. Dann würde ich Euch aufwachsen sehen und am Abend, wenn es dunkel wird, dann würdet Ihr Euch unter meinen Flügeln verkriechen, um friedlich und behütet zu schlafen. Das ist der Grund, warum ich mein Nest fülle, weil ich Euch aufziehen möchte, mich kümmern, Euch zeigen würde, wie es ist, ein Huhn zu sein, zu scharren in der Erde, zu picken, sich mit Sand zu bedecken, wenn es heiß ist, die Sonne zu genießen. Aber was rede ich da? Selbst wenn Ihr auf die Welt kämt, Ihr wärt doch mit mir hier eingesperrt, inmitten tausender anderer. Es sind einfach zu viele, viel zu viele, um sie zu kennen, sich anzufreunden. Und vor allem, es ist viel zu wenig Platz. Ich weiß nicht, ob es irgendetwas gibt, dort draußen, außerhalb der Halle, in der wir eingesperrt sind. Es ist gut möglich, denn wenn ich hinaussehe, dann ist es hell und klar und warm, so scheint es. Ich werde es nie erfahren. Ihr auch nicht, denn das Schlimmste ist, sobald ich ein Ei gelegt habe, dem ich eines hinzufügen möchte, wenn mein Körper so weit ist und ein weiteres legen kann, dann ist das erste verschwunden. So geht es Tag für Tag, so dass ich immer weiter und weiter lege. Ich spüre, wie sehr es meinen Körper belastet, unausgesetzt mein Nest füllen zu wollen, und es doch nicht zu schaffen. Immer schwerer fällt es mir, nur aufzustehen. Ich merke, wie meine Knochen brüchig werden, aber ich mache weiter, so lange es geht. Ich verliere die Hoffnung nicht, dass eines Tages mein Nest gefüllt sein wird. Dann werde ich mich darauf setzen und nach einigen Tagen werde ich merken, dass die ersten Schalen brechen und ihr Euch aus Euren temporären Behausungen befreit. Wie schön wird es sein, wenn Ihr um mich herumwuselt und ich Euch in all die Dinge einweise, die ein Huhn so macht. Ich wäre glücklich, Euch um mich zu haben, selbst in diesem stinkenden Gefängnis, aber es passiert nicht, wird nie passieren. Dennoch mache ich weiter. Nein, die Hoffnung verliere ich nicht, aber dafür die Kraft, weitere Eier zu legen. Da kommt nichts mehr. So dass ich mich einfach niederlege und warte. Es gibt nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu träumen. Da ist nichts mehr, worauf ich mich freuen könnte. Es ist vorbei. Doch nicht nur mit meinen Hoffnungen und meinen Träumen, sondern auch mit mir, denn wenn ich keine Eier mehr lege, dann können die Menschen mich nicht mehr brauchen. Dann bin ich bloß jemand, der Platz wegnimmt und Futter wegfrisst. Deshalb werde ich eingefangen, in eine Kiste gesperrt und in einen Transporter verladen, mit all den anderen, die auch keinen Nutzen mehr haben. Kurz denke ich noch, dass da tatsächlich etwas ist, außerhalb der Mauern meines Gefängnisses. Da ist das Licht und die Wärme und so viel Platz. Warum können wir da nicht herumlaufen und unsere Nester bauen, dort, wo es weit und warm und hell ist? Warum sperren sie uns in diese schrecklichen Hallen, wo wir kaum Platz haben, uns zu bewegen? Warum nehmen sie uns unsere Babies weg, noch bevor wir sie kennenlernen durften? Es wäre doch alles da, um ein glückliches Hühnerleben zu führen, Mama zu sein und sich um die Kleinen zu kümmern. Warum sind die Menschen so grenzenlos grausam und nehmen einem alles, was man für ein richtiges Leben braucht. Alles? Es ist doch so wenig, ein wenig Platz an der Sonne, sich zu bewegen, ein Ort zum Schlafen in der Nacht und ein Zusammensein mit den Kindern. Ist denn selbst das zu viel verlangt? Aber ich habe nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn wenige Stunden später bin ich tot, und ich durfte Euch nie kennenlernen. Dabei habe ich Euch immer geliebt, Euch mit Sehnsucht und Hoffnung erwartet, die immer unerfüllt blieben, bis mein Körper aufgab und ich mit ihm. Aber es gab keinen einzigen Moment in diesem kurzen Leben, in dem ich nicht an Euch gedacht hätte. Ich wünschte nur, dass es Euch besser ergehen würde als mir.

In Liebe,

Eure Mama

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