Erkenntnis ist irreversibel (1)

Rebekka wurde von ihren Freundinn*en mit Hochachtung und ihren Feind*innen mit Neid nur mehr Rebel genannt. Und das war sie auch, eine Rebellin. Schließlich war das ihre Aufgabe, so sah sie es zumindest. Mit 16 Jahren hatte man zu rebellieren, die Erwachsenen, sog. Autoritäten und Vorgesetzten, Würdenträger*innen und Amtsinhaber*innen über die Ränder ihrer wohltemperierten Einstellungsverkrustungen zu führen, in Frage zu stellen, was fraglos scheint, zu desavouieren, was unumstößlich anmutet und lächerlich zu machen, was so an Wertnostalgie in den Köpfen festzementiert ist. Wann sollte sie es denn sonst tun? Mit 26, wenn sie, eingespannt in Beruf und Familie, immer zu fürchten haben würde, dass sie jemanden vergrämte, die/der ihr das Leben schwer machen konnte. Nein, jetzt musste es sein, mit 16, ohne Abhängigkeiten und Verpflichtungen, ohne dem Ausgeliefert-sein an den guten Willen anderer. Sie erprobte sich im Aufstand, zivilen Ungehorsam und passivem Widerstand.

Als sie erfuhr, dass ein Mädchen, das dieselbe Schule wie sie besuchte, abgeschoben werden sollte, die schon seit Jahren im Land war, viele Freund*innen hatte und gut in die Gemeinschaft integriert war, organisierte sie sofort eine Kundgebung. Nein, sie kannte das Mädchen nicht persönlich, aber sie hatte sich genauestens über ihren Hintergrund informiert und beschloss spontan, diese Ungerechtigkeit nicht einfach hinzunehmen. Natürlich raunten ihr viele zu, dass sie es super fänden, wie sie sich für das arme Mädchen und damit auch indirekt für ihre Familie einsetzte, aber es blieb bei Worten. Mit ihrem Protest war sie alleine. Die Abschiebung geschah und Rebekka blieb ein wenig ernüchterter zurück. Trotzdem ließ sie sich nicht davon abhalten, wenige Monate später für einen Jungen einzutreten, der, aufgrund seiner sexuellen Neigung, von den anderen Spielern aus dem Fußballteam gemobbt wurde. Kein*e Lehrer*in, nicht einmal die Direktorin fühlten sich bemüßigt, irgendetwas gegen diese Ausgrenzung zu tun. Rebekka suchte das Gespräch, machte auf das Unrecht aufmerksam. Sie fand sich einer Mauer des Schweigens und der Ignoranz gegenüber. Niemand war zuständig, fühlte sich verantwortlich.

Aber was hatte sie sich erwartet? In ihrer Naivität wohl, dass irgendjemand, ganz egal wer, sie unterstützen oder ihr Anliegen zumindest ernst nehmen würde. Stattdessen ließ man sie gewähren, mit ihren Briefen an die zuständigen Stellen, mit ihrem Transparent, das sie vor der Schule, wahlweise den Behörden aufgespannt hatte. Man ignorierte sie, nach dem Motto „Die kriegt sich schon wieder ein“. Man saß es aus, bis es geschehen war, die Abschiebung vollzogen und die soziale Isolation nicht mehr aufzuhalten war.

Rebekka hatte alles getan, was sie meinte, tun zu können, bloß die Stimme hatte sie nicht erhoben. „Es ist doch alles sinnlos“, sagte sie sich und verlegte sich darauf, Spaß zu haben, nächtelang um die Häuser zu ziehen und jede Menge Alkohol zu konsumieren. Letzteres vor allem, um die Leere aus ihren Gedanken zu verbannen. Ihre Eltern wollten sie nicht fortlassen. Schließlich war sie erst 16. Nun hatte sie zwei Möglichkeiten. Sie konnte warten, bis ihre Eltern schliefen, um sich dann über den Balkon in ihrem Zimmer davonzustehlen oder sie konnte offen gegen ihre Anweisungen handeln. Was sollten ihre Eltern dagegen ausrichten? Sie einsperren? Ihr den Schlüssel wegnehmen? Sie auf die Straße setzen? So wiederholte sich jeden Freitag- und Samstagabend dasselbe Spiel. „Ich gehe jetzt“, rief sie ihren Eltern zu. „Nein, Du bleibst!“, erwiderte ihre Mutter, „Sonst …“ „Sonst was?“, fragte Rebekka amüsiert zurück. „Dann streiche ich Dein Taschengeld und schalte das WLAN ab.“ „Ist recht“, erwiderte Rebekka schulterzuckend und ließ die Türe ins Schloss fallen. Dann traf sie sich mit ihren Freund*innen, vorzugsweise in einer Student*innenkneipe in der Innenstadt. Da saßen sie, wärmten sich mit Alkohol auf und suchten verzweifelt nach etwas, das Spaß machte. Das Nervengift trug dazu bei, dass Rebekka für einige Stunden auf all die Ungerechtigkeiten und Widersprüchlichkeiten, die Hilf- und Sinnlosigkeit vergessen konnte.

An einem dieser Samstagabende saßen sie wieder in der Kneipe, Rebekka, die mit ihren kurzgeschnittenen schwarzen Haaren, gekleidet in Jeans und Sweater, wie ein Junge wirkte, hatte jovial den Arm um die Schultern ihrer besten Freundin Sybille gelegt. Lässig, wie sie meinte. Unter Mädchen war das in Ordnung. Niemand dachte etwas anderes, als dass diese beiden eben beste Freund*innen waren. Doch Rebekka ahnte, dass es nicht so war, auch wenn sie es nicht eingestand. Nicht einmal sich selbst gegenüber. Ihr Denken war genauso von Barrieren durchsetzt, wie das jeder Anderen. Vielleicht waren es bei ihr ein paar weniger. Ein einziges Mal hatte sie Sybille geküsst. „Traut ihr euch nie“, hatten die Freund*innen gegrölt, woraufhin Sybille, die sonst eher zurückhaltend war, Rebekka an sich zog und ihr einen innigen Kuss auf die Lippen drückte. Stunden später noch spürte Rebekka die Berührung, als hätte sie sich eingebrannt.

Paul, ein großgewachsener, schlaksiger Kerl, der mit seinen langen Haaren wie ein Überbleibsel aus den 60er Jahren wirkte, riss sie aus ihren Gedanken. „Seht mal, ist das nicht der Sohn vom Schweinebauern dort drüben?“, fragte er gelassen, woraufhin sich aller Augen in die Richtung wandten, in die er wies. Tatsächlich erkannten sie ihn sofort. Er war groß, breitschultrig, hatte tiefe Narben im Gesicht, wohl noch Überbleibsel von besonders ausgeprägter Akne. Man konnte sich gut vorstellen, dass er Schweine massakrierte und Menschen verprügelte, die sich ihm in den Weg stellten. „In dem Stall soll es besonders grausig zugehen“, fügte Paul noch hinzu, „Erst kürzlich sollen dort Aktivist*innen eingestiegen sein, um Fotos zu machen, aber sie wurden erwischt und verhaftet.“ „Igitt, wer geht denn freiwillig in einen Schweinestall. Schweine sind so schmutzig und da muss es doch fürchterlich stinken“, meinte Sybille pikiert. „Deshalb ist er auch am Ortsrand gebaut worden, dass niemand etwas hört oder riecht“, grummelte Paul. „Was interessieren mich Schweine“, warf nun Rebekka ein, „So lange Menschen so schrecklich behandelt werden. Da braucht man mit den Schweinen erst gar nicht anfangen.“ „Das sagst Du nur, weil Du Dich nicht traust“, sagte Paul, herausfordernd grinsend. Er kannte seine Freundin gut genug, als dass er wusste, sie konnte das nicht einfach auf sich sitzen lassen. Schließlich gab es nichts, was sie sich nicht traute, auch wenn sie noch nicht genau wusste, worauf Paul hinauswollte. „Was soll ich mich nicht trauen?“, fragte Rebekka deshalb nach. „Na in den Schweinestall einbrechen“, erwiderte er. „Du meinst, Du traust Dich nicht“, gab sie prompt zurück. „Ich habe kein Problem damit, aber Du“, fuhr Paul fort sie anzustacheln. „Dann los, wir gehen hin, jetzt gleich. Dann wirst Du sehen, was ich mich nicht traue!“, setzte Rebekka nach, stand auf und verließ das Lokal.

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