Das Weihnachtswunder

Maria sah auf die Uhr und erschrak. „Schon so spät“, dachte sie, während sie die Sachen zusammenpackte, die sie für den Besuch bei ihren Eltern brauchte. Es war nicht viel, weil sie keine normalen Geschenke machte, wie es so schön heißt, sondern Selbstgemachtes. Sie mochte die Individualität und vor allem sich Gedanken zu machen, wozu man Dinge umfunktionieren konnte, die man selbst nicht mehr brauchte. In diesem Jahr waren ihr besonders schöne Stücke gelungen, war sie überzeugt. Dennoch kam es nicht von ungefähr, dass sie den Moment des Aufbruches so hinauszögerte, eigentlich bis zur letzten Minute. Jetzt konnte sie nicht mehr länger warten, bis sie den Gang zu ihren Eltern antrat, um mit ihnen Weihnachten zu feiern.

Nicht, dass sie ihre Eltern nicht mochte oder sie sich nicht verstanden, aber da gab es so Vieles, was sich in den letzten Jahren in ihr verändert hatte. Zunächst war es nur das Fleisch gewesen, das sie nicht mehr aß, weil sie die Lügen der Fleischindustrie durchschaut, endlich, und in verschiedenen Dokumentationen die schreckliche Wahrheit gesehen hatte. Kurz darauf begann sie auch alle anderen Dinge, die von Tieren kamen, von ihrer Konsumliste zu streichen. Ihre Mutter war entsetzt. Sie war wohl bereit gewesen für ihre Tochter pflanzlich zu kochen, aber doch war da immer noch das Essen ihrer Eltern, das mit am Tisch stand. Maria sah nicht das Fleisch und die Milch und die Eier, sondern hörte die Schreie der Verzweiflung, sah das Blut und roch den Tod. Natürlich war ihr bewusst, dass sie ihre Eltern nicht zwingen konnte. Sie mussten selbst draufkommen. Doch wie, wenn sie sich mit dem Thema nicht auseinandersetzten. Vielleicht war es zu dem einen oder anderen Gespräch gekommen, in dem Maria ihnen erklärte, warum sie sich so verhielt, wie sie es tat, aber es schien alles abzuperlen, wie Wasser von einer lackierten Oberfläche. Sie schien nicht durchzudringen. Andererseits war sie auch gerne bei ihren Eltern. Nach wie vor fühlte sie sich wohl, aufgenommen und geborgen. Wenn da nur nicht das schreckliche Essen wäre.

Rasch schlüpfte sie in ihre Jacke, zog sich die Kapuze über den Kopf und verließ das Haus. Sie war kaum ein paar Schritte gegangen, als ein heftiger Schneesturm einsetzte. Maria kämpfte, mit dem Schnee, der ihr die Sicht nahm, und dem böigen Wind. Aber tapfer setzte sie einen Fuß vor den anderen „Nur noch ein paar Meter, dann habe ich es geschafft und bin im Warmen“, machte sie sich selbst Mut, als ein Geräusch sie innehalten ließ. Fast wäre es von dem Getöse verschluckt worden. Maria sah sich um. Da wiederholte sich das Geräusch. Es war ein klägliches Winseln, wie sie nun zweifelsfrei feststellte und da sah sie auch eine Bewegung, gleich neben dem Laternenmast, so dass sie sich niederbeugte, um zu sehen, was denn da war.

Ein schwarzes Knäuel aus Fell und Ohren und Pfoten und Schwanz saß da, am ganzen Leib zitternd und winselnd. Maria wollte es hochheben, das kleine Bündel, das eindeutig lebte, als sie sich zurückgerissen fühlte. Da entdeckte sie, dass der Kleine mit einer Leine am Mast angebunden war. Was tun? Kurzentschlossen entfernte sie das Halsband und damit die Leine, packte den zitternden kleinen Kerl in ihre Jacke und setzte ihren Weg fort. Ihre Mutter würde keine Freude haben, meinte sie noch, als sie die Klingel betätigte und wenige Momente später im Warmen stand, über und über mit Schnee bedeckt, das Bündel fest an sich gedrückt. Doch entgegen ihrer Erwartung beschwerte sich ihre Mutter nicht über das Chaos, das Maria veranstaltet hatte.

„Es ist so schön, dass Du da bist“, sagte ihre Mutter einfach, während sie ihr Mantel und Stiefel auszog, sie professionell auf der Türschwelle auszuklopfen, während Maria einfach dastand und das kleine Wesen fest an sich drückte. „Was hast Du denn da?“, fragte ihre Mutter endlich. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen und sie würde nach Hause geschickt werden, denn ihre Mutter wollte noch nie ein Tier im Haus haben. So sehr Maria als Kind auch gebettelt hatte, in dem Punkt war ihre Mutter eisern geblieben. Irgendwann fand sie sich damit ab, dass ihre Mutter keine Tiere mochte. Es war auch nie wieder thematisiert worden. „Es ist ein Hund, ich weiß, Du magst das nicht, aber ich habe ihn draußen angebunden gefunden und ich konnte ihn doch nicht sitzen lassen, dort draußen im Schnee“, versuchte sich Maria an einer Erklärung, aber es war ihr, als würde ihre Mutter gar nicht zuhören, denn sie hatte den Kleinen in Augenschein genommen. Dann verschwand sie, um mit einem Handtuch und einer Decke wiederzukommen. „Ihr geht jetzt zum Kamin“, forderte sie Maria auf, die ihr treulich folgte. Vorsichtig rubbelten sie den kleinen Kerl trocken, der nun auch endlich aufhörte zu zittern. Dann setzten sie ihn auf die Decke vor dem Kamin, auf der er sich einrollte und selig einschlief.

„Es tut mir so leid, ich weiß, Du magst keine Tiere …“, hob Maria nochmals zu einer Erklärung an, wurde aber von ihrer Mutter unterbrochen. „Wer sagt, dass ich keine Tiere mag?“, fragte diese. „Ich hatte angenommen, weil ich nie ein Haustier haben durfte“, meinte Maria irritiert. „Ich mag Tiere, sehr sogar“, erwiderte ihre Mutter, „Der Grund, warum ich es nie erlaubt habe, war, dass ich Angst hatte, dass wir dem Tier nicht gerecht werden könnten. Du weißt, wir haben viel gearbeitet und hatten viel zu wenig Zeit“, erklärte ihre Mutter, „Aber den Kleinen, den konntest Du auf gar keinen Fall auf der Straße lassen.“ Maria wurde mit einem Schlag bewusst, wie sich falsche Annahmen, die man einmal getroffen hatte, festsetzten, nur, weil man nicht darüber gesprochen hatte. „Sieh ihn Dir an, der wäre da draußen sicher erfroren“, setzte ihre Mutter hinzu und riss Maria aus ihren Gedanken. „Warum tut jemand so etwas? Wie kann man das nur übers Herz bringen?“, meinte Maria. „Schau ihn Dir an, die großen Pfoten, der wird sehr groß werden. Wie oft trifft man vorschnelle Entscheidungen, deren Auswirkungen man nicht überblicken kann. Dann kommt es zu solchen Kurzschlussreaktionen“, sagte ihre Mutter, „Und übrigens ist der kleine Kerl ein Mädchen“, meinte Maria, da sich das schwarze Fellbündel gemütlich auf die Seite gedreht und lang ausgestreckt hatte. „Was machen wir mit ihm?“, fragte Maria. „Dafür sorgen, dass es ihm gut geht und es ihm an nichts fehlt, was denn sonst“, erwiderte ihre Mutter lächelnd, „Jetzt haben wir ja Zeit.“ Maria umarmte spontan ihre Mutter. Das hätte sie nie für möglich gehalten. Endlich befreite sich ihre Mutter aus der Umarmung. „Aber jetzt lass uns essen gehen“, meinte sie und ihr Vater, der bis jetzt nur zugesehen hatte, stimmte zu.

Da wurde Maria nochmals flau im Magen, vor lauter Sorge, Angst, zunächst, und dann der Freude, hatte sie auf das anstehende Essen fast vergessen. Gemeinsam gingen sie zum Esstisch. Maria wappnete sich innerlich vor dem Anblick der toten Tiere, doch als ihr Blick über den Tisch glitt, konnte sie es kaum glauben. Da war doch tatsächlich kein einziges Tierleidprodukt zu sehen. „Deine Mutter und ich haben in den letzten Wochen viel nachgedacht“, erklärte ihr Vater, dem die Verwunderung seiner Tochter nicht entgangen war, „Und wir haben erkannt, dass Du recht hast.“ „Aber das war uns zu wenig“, übernahm ihre Mutter, „Wir haben beschlossen, lass es uns probieren und wir sind draufgekommen, wie vielfältig das Essen sein kann, ganz ohne Tierleid.“ Maria stand da und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie war einfach nur glücklich, so glücklich, dass sie die Tränen zurückhalten musste. Und da sollte noch einmal jemand sagen, es gäbe keine Weihnachtswunder.

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