Wenn man denkt, dass das denkt

Der moderne Mensch nennt sich Homo sapiens, was soviel wie verstehender, verständiger, weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch bedeutet. Es heißt auch, dass dieser moderne Mensch mit all seiner Rationalität nicht nur die Krone der Schöpfung ist, sondern auch das größte Gehirn aller Primaten, unseren nächsten Verwandten hat, was ihn dazu befähigt eben jene Attribute zu erfüllen, die er sich selbst andichtet. Selbst die Philosoph*innen, die sich des Menschen angenommen haben, dessen Natur ergründen wollen, sind sich, je nach eigener Ausrichtung, in vielem uneinig, außer darin, dass der Mensch nicht nur Vernunft hat, sondern des Vernunftgebrauches fähig ist, sonst wäre es wohl müßig ihn dazu aufzufordern, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Immanuel Kant es tut. Es ist eben auch jene Vernunft, die den Menschen von aller niederer Kreatur unterscheidet.

Der Mensch hat auch seine Vernunft sehr wohl genutzt. All die wunderbaren Erfindungen, die uns umgeben, das Leben bequemer und sicherer machen, benutzen wir, zumindest in der westlichen Welt, mit aller Selbstverständlichkeit. Autos und Kühlschränke, Flugzeuge und Waschmaschinen, Fernseher und Computer, Smartphones und Tablets, Heizungen und Wasserleitungen gehören zum modernen Leben dazu. Einen gewissen Standard muss man sich doch wohl gönnen können dürfen. Deshalb geht man auch arbeiten, damit all diese Dinge erzeugt, verkauft und verwendet werden können. Das ist wunderbar, wenn der Mensch nicht meinte sich einerseits haltlos vermehren zu müssen und immer mehr Dinge zu brauchen. Dinge müssen erzeugt werden, was Ressourcenverbrauch bedeutet. Je mehr Menschen, desto mehr Ressourcen, desto knapper das Angebot, bis sie ganz aufgebraucht sein werden. Daneben gibt es auch die schönen Künste, die den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnen. Der Mensch ist also, kraft seiner Vernunft befähigt, sich sein Leben angenehm, sicher und bequem zu gestalten. Das mit der Vernunftbegabung stimmt also ganz offensichtlich, wie es die Philosoph*innen postulieren. Schließlich ist man ständig mit all den Vernunfterzeugnissen konfrontiert. Was für ein großartiges Wesen. Immer und überall nüchtern, rational und reflektiert.

Wäre dem tatsächlich so, dann müsste der Mensch jetzt aufhören Fleisch zu essen, denn nach rationaler, gründlicher, nüchterner Überlegung, müsste er zu der Conclusio gelangen, dass es das Fleisch essen bzw. dessen Produktion ist, die den Lebensraum, auch für den Menschen nach und nach, also eher mittlerweile von jetzt auf gleich, zerstört. Niedergebrannte Regenwälder für den Anbau von Futter für die sog. Nutztiere, Vertreibung indigener Völker, denen das Land dafür weggenommen wird, leergefischte Ozeane, gülleverseuchte Böden und Trinkwasser, 800.000.000 hungernde Menschen, denen die Grundnahrungsmittel entzogen werden, um unsere sog. „Nutztiere“ satt zu bekommen, Tonnen an weggeworfenen, zu Tode misshandelnden Tieren und die rasante Zunahme von sog. Zivilisationskrankheiten, die durch die fleischliche Ernährungsweise bedingt sind, sollten eigentlich Grund genug sein einen Schlussstrich zu ziehen und die Ernährungsweise, zumindest diese, massiv zu ändern. Dennoch geschieht es nicht. Warum ist das so?

Ja, der Mensch kann rational, nüchtern, reflektiert und vernünftig sein, doch er ist es zumeist nicht, zumal dann, wenn es um seine eigenen, sich selbst zugesprochenen Privilegien geht. Da hört die Vernunft auf und andere Teile seines Körper übernehmen das Denken und verführen zur Irrationalität. Die Gier, auch danach massenhaft Tiere zu versklaven und zu schlachten, nicht, weil es sinnvoll wäre, sondern weil es schmeckt und weil wir es immer schon so getan haben, immer seit ungefähr 100 Jahren in den Ausmaßen und verheerenden Folgen. Das Zerstörungswerk geht weiter, weil wir jetzt alles haben wollen, was wir kriegen können und das am besten noch so billig wie möglich, weil wir das Hirn ausschalten und unseren Verdauungsorganen den Takt spielen lassen. So geht die Welt sehenden Auges zugrunde, aber wir fressen weiter, weil es schmeckt und weil man sich von anderen nichts vorschreiben lässt. Nicht einmal von der Stimme der Vernunft. Von der wohl erst recht nicht. Wenn man denkt, dass der Magen denkt, dann wird einem einiges klar. Nicht, dass es deshalb sinnvoller wäre, wegen des Gaumengenusses unsere Lebensgrundlage zu ruinieren, aber es macht es erklärbar. Der Mensch ist weder rational noch nüchtern, weder vernünftig noch reflektiert, sondern ganz und gar seinen Trieben, seinen Gelüsten und seiner Gier unterworfen. Diese Einsicht macht es leichter vom Bild des hehren Menschseins Abschied zu nehmen. Es wäre Zeit ihn umzubenennen, denn es ist vielleicht die Vernunft, die den Menschen auszeichnet, aber ebenso sein Unwille diese zu nutzen.

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2 Gedanken zu „Wenn man denkt, dass das denkt

  1. oma99

    Vernunft anwenden, darin liegt das geheimnis und genau darin liegt der große Mangel des menschen. Oh, er wendet seine „Vernunft“ schon an, doch leider meist auf eine unvernünftige Art und Weise. So hat der Mensch, also haben wir, es geschafft unseren (und den aller anderen MitbewohnerInnen dieser Erde) Lebensraum an den Rand des Zusammenbruches zu bringen und redet davon, etwas gegen diese folgen unternehmen zu wollen – Es muß halt nur genug Profit abwerfen und nicht die eigene Bequemlichkeit gefährden…
    Vernunftbegabt? Ja.
    Fähig, diese Vernunft vernünftig anzuwenden? Bislang nicht wirklich.

    Danke für Deinen Text und Deine Gedanken, Daniela Noitz.

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