Tiere retten ist nicht genug (1)

Tatjana hielt kurz inne, um sich zu vergewissern, ob sie richtig gehört hatte und um den Ursprung des Winselns zu lokalisieren. Dann sprintete sie los, durch den Torbogen in den Innenhof der Wohnhausanlage. Sie achtete nicht auf den schweren Rucksack, der auf ihren Rücken hin und her geworfen wurde, auch nicht auf ihr vor Angst pochendes Herz. Ja, sie hatte Angst davor, was sie entdecken würde. Das Winseln wurde lauter. Dann endlich sah sie es, fünf junge Burschen, die ein kleines Fellknäuel mit Steinen bewarfen. Dröhnendes Lachen begleitete ihr makabres Spiel.

Die Jungen waren groß und muskulös. Jeder einzelne von ihnen hätte die schmale Tatjana mit nur einem Schlag niederstrecken können. Dennoch bahnte sie sich ihren Weg zwischen den Tierquälern hindurch und schnappte sich das kleine, winselnde Bündel Leben. Es widersetzte sich nicht, denn es hatte keine Kraft mehr. Die Steine prasselten nun auf Tatjanas Rücken. Nun war sie froh, dass sie den großen schweren Rucksack nicht abgeworfen hatte. Mit einer fließenden Bewegung richtete sich auf, das Fellknäuel fest an sich gedrückt. Doch nun sah sie sich dem größten der fünf Jungen gegenüber. Breitbeinig stand er da und sah sie mit hasserfülltem Blick an. Er schien festentschlossen, Tatjana nicht vorbeizulassen, nicht mit dem Opfer ihre Quälereien in Händen. Fieberhaft überlegte sie, was zu tun sei. Er war zwar kräftig, der Angreifer, aber sie schätzte ihn nicht als besonders wendig ein. Deshalb deutete sie an, links an ihm vorbeizuwollen, und während er schwerfällig einen Fuß in diese Richtung schob, hechtete sie an seiner anderen Seite vorbei und rannte, wie sie noch nie gerannt war. Sie war überzeugt davon, dass diese Burschen sie nicht einholen würden. Immerhin war sie die beste Läuferin ihrer Schule. Doch sie hielt erst inne, als sie sicher war, dass sie nicht verfolgt wurde. Dann erst besah sie sich das kleine Bündel in ihren Händen. Es war ein junger Hund mit schwarzem Fell und großen Pfoten. Er zitterte am ganzen Leib. Tatjana konnte nicht sagen, ob er schwer verletzt war. Äußerlich war nichts zu sehen. Doch er musst so schnell wie möglich zum Tierarzt. Deshalb begann sie wieder zu laufen. Zehn Minuten später stand sie atemlos im Sprechzimmer des Veterinärs. Es war überfüllt. Argwöhnisch wurde sie von den Anwesenden gemustert. „Dräng Dich bloß nicht vor, ich war zuerst da“, schienen sie ihr sagen zu wollen. Ein junges Mädchen im weißen Kittel, der sie als Arzthelferin auswies, trat auf Tatjana zu, um sie nach ihrem Anliegen zu fragen. Hastig erzählte sie die Geschichte, woraufhin das Mädchen im weißen Kittel sich umdrehte und im Behandlungszimmer verschwand. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Türe wiederum und Tatjana wurde hereingebeten. Sie tat ihr Möglichstes, die hasserfüllten Blicke, die ihren Rücken gleichsam durchbohrten, zu ignorieren. Schließlich handelte es sich um einen Notfall, aber sie hatte keine Zeit darüber zu diskutieren.

Dr. Wagenscheidt, der Tierarzt, forderte Tatjana auf, das zitternde Fellknäuel auf den Untersuchungstisch zu legen. Als ob der Kleine gewusst hätte, dass er nun in Sicherheit war, ließ er sich widerstandslos abtasten.
„Nun, es scheint nichts gebrochen zu sein“, sagte Dr. Wagenscheidt endlich. Tatjana atmete erleichtert auf. Immerhin.
„Aber ich kann nicht sagen, ob er keine inneren Verletzungen hat. Er scheint ein sehr robuster kleiner Kerl zu sein. Pass die nächsten Tage gut auf ihn auf und beobachte ihn genau“, wies der Arzt Tatjana an, „Wie konnte das passieren? Warum ist Dein Hund diesen Rowdies in die Hände gefallen?“
„Das ist nicht mein Hund“, erklärte Tatjana, „Ich habe ihn nur gerettet. Ich weiß nicht woher er kommt oder wem er gehört. Ich wusste nur, dass ich ihn nicht dort lassen konnte. Sie hätten ihn bestimmt zu Tode gesteinigt.“ Während der letzten Worte wurde Tatjana erst so richtig bewusst, was diese Kerle angestellt hatten und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, Tränen der Wut und des Abscheus. Doch sie wollte nicht weinen.
„Er ist auch nicht gechipt“, meinte der Arzt sinnend, „Dann nimm ihn mal mit nach Hause und komm in ein paar Tagen wieder.“ Damit bugsierte er Tatjana zur Türe.
„Aber was ist mit der Rechnung“, fragte sie schüchtern, „Ich habe kein Geld bei mir.“
„Ist schon in Ordnung. Ich wäre froh, wenn mehr Menschen so viel Herz zeigen würden“, erklärte der Tierarzt.

Kurz darauf stand Tatjana auf der Straße, mit einem Welpen im Arm, der mittlerweile vor Erschöpfung eingeschlafen war. „Was wird meine Mutter sagen?“, schoss es ihr endlich durch den Kopf, „Was wird aus dem Kleinen, wenn ich ihn nicht behalten darf?“ Schweren Herzens trat sie den Heimweg an.

Hier geht es zu Teil 2.

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