Der Pandabär, der hat es schwer (2)

Die Agentin hielt Ausschau. Endlich meinte sie, sie könnte auch ein paar Schritte aufrecht gehen, als sie einen Lärm vernahm, der ohne Zweifel von schweren Baufahrzeugen verursacht wurde. Wieder wurde ein Teil des Waldes gerodet, denn es war noch mehr Lebensraum notwendig, mehr Anbaufläche, mehr Platz für Vergnügungs- und Einkaufszentren, immer mehr, von Menschen beansprucht. „Wenn nun Stück für Stück der Wald gerodet wird“, dachte sie, „wird der Platz, der den Wildtieren zur Verfügung steht, immer kleiner. Sie kommen näher zusammen. Einzelne Individuen begegnen sich und die Übertragung von Krankheitserregern wird erleichtert. Wenn genug Platz vorhanden ist und ein Tier erkrankt, dann bleibt es für sich und stirbt. Der Erreger geht mit ihm unter.“

Aber wo gab es noch genügend Platz für Tiere, nicht einmal für Menschen, wenn sie zu Millionen vor den Auswirkungen des Klimawandels in die Städte flüchteten, um irgendwo am Rande derselben in Slums zu vermodern, ohne Arbeit, ohne sauberes Wasser und anbauen konnte man hier sowieso nichts. Dicht an dicht konnten sich auch hier Krankheiten hurtig und lustig ausbreiten. „Aber schuld ist nun der Pandabär“, rief sich die Agentin ein weiteres Mal zur Räson, auch wenn sie sich immer unsicherer wurde, ob es denn wirklich richtig sei, die ganze Bürde, diesem unschuldigen Tier anzulasten, das nichts tat, als durch die Wälder zu streifen, Bambus zu essen und sich bei Regen in eine Höhle zurückzuziehen. Er ließ den Wald Wald sein, vergiftete nicht die Erde oder das Grundwasser, sondern lebte im Wald und mit dem Wald, den er als seine Heimat achtete. Schließlich hatte er kein Interesse daran, irgendetwas kaputt zu machen. Darin war der Mensch Meister, im Kaputtmachen und Vergiften und Zerstören. Dennoch suchte die Agentin weiter, denn sie war noch ein wenig zu sehr überzeugt davon, dass all die studierten Menschen, die Politiker*innen und Wirtschaftsexpert*innen genau wussten, was sie taten, wenn sie solch einen Auftrag erteilten.

„Du bist eine bloße Agentin und brauchst nicht glauben, Du könntest gescheiter sein, als all die Studierten“, schärfte sie sich selbst ein, obwohl ein Zweifel an ihr zu nagen begann. Es passte so vieles einfach nicht zusammen. Da gab es so viele Missstände, die von Menschen gemacht worden waren, und dann sollte dieser Pandabär dafür zur Verantwortung gezogen werden? Aber was wäre die Alternative? Den Menschen sagen, sie sollten endlich aufhören, Milliarden von Tieren in Fabriken zu sperren und sie mit Soja zu füttern, das dort angebaut wurde, wo zuvor Regenwälder abgebrannt worden waren? Müsste man nicht fordern, dass die Menschen in den reichen Ländern ihren Konsum drastisch reduzierten, damit nicht die Ressourcen der Erde verbraucht würden? Sollte es nicht endlich an der Zeit sein, dieses verdammte Wirtschaftswachstum zu stoppen, bloß um unseren Heimatplaneten zu retten? Aber was wären die Konsequenzen? Fabriken müssten schließen, Menschen wären arbeitslos – und wer braucht schon eine intakte Natur, wenn wir Arbeitsplätze haben. „Was ist denn bloß mit Dir los?“, fragte sich die Agentin endlich, „Du hast hier nur Deinen Auftrag zu erfüllen. Alles andere geht Dich nichts an.“ Aber war denn nicht genau das das Grundübel, dass jede auf ihr kleines Leben, ihren kleinen Aufgabenbereich schaute und meinte, alles andere ginge sie nichts an, nur dass die, die an den Schalthebeln saßen, so weitermachen konnten, wie bisher?

Die Agentin hatte sich, tief in Gedanken versunken, von dem Platz wegbewegt, von dem der Lärm kam, denn sie war überzeugt, sie müsste mehr ins Innere des Waldes vordringen, wollte sie den Pandabären finden, denn dieser würde den Lärm fliehen. Immer wieder war sie stehengeblieben, um zu lauschen. Es war ihr, als vernähme sie Geräusche eines sich fortbewegenden Tieres ganz in ihrer Nähe, doch da war nichts, als sie sich endlich umwandte und in kleine, schwarzumrandete Augen sah. „Der Pandabär“, schoss es ihr durch den Kopf, „Ich muss ihn sofort dingfest machen.“ Natürlich wusste sie, was zu tun war. Schließlich hatte sie das jahrelang trainiert, doch dieser verdammte, schwarz-weiße Bär, zeigte weder Furcht noch irgendwelche Anzeichen, fliehen zu wollen. Ganz im Gegenteil, während die Agentin ihn anstarrte, als wäre er ein Alien, ließ er sich ganz gemütlich auf seinen Hintern plumpsen. Erschöpft tat es ihm die Agentin gleich. Für eine Weile saßen sie nur da, der Pandabär und der Mensch, und sahen einander an. Dann streckte der Bär den Arm zu der Agentin aus und reichte ihr ein Stück Bambus. Versonnen begann sie daran zu kauen. Als sie endlich merkte, was sie da zwischen den Zähnen hatte, spuckte sie es unumwunden aus.

„Du sollst also die Ursache für die nächste Pandemie sein“, dachte die Menschenfrau endlich, „Nein, das kann nicht sein. Eher sind die Menschen und vor allem ihre Taten, die Ursache für all das Leid, auch dafür, dass Viren um sich greifen können.“ In dem Moment begann es zu regnen. Der Pandabär erhob sich und trottete davon. Die Agentin folgte ihm. Er führte sie zu einer Höhle. Dort fanden sie Unterschlupf, um sich vor dem Regen zu schützen. Endlich zog die Agentin das Tarngewand aus. Sie wollte keinen Pandabären fangen, sondern sie retten, sie, die Umwelt und die Menschheit, denn endlich hatte sie begriffen, was ihr erzählt worden war, auch über Pandabären, war alles gelogen. Es war an der Zeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie wusste nicht, ob sie ihr Ziel, ein Umdenken, erreichen konnte, aber sie war sich sicher, sie musste es probieren.

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