Mit wem mitleiden und mit wem nicht? (1)

„Hallo Mama! Hallo Papa! Ich bin da“, ließ Katharina ihre Stimme durch das Haus schallen, nachdem sie die Türe zu ihrem Elternhaus mit einem Schwung aufgestoßen hatte. Wie jeden Sonntag, war sie auch an diesem zum Mittagessen eingeladen und war dieser Einladung mit Freude nachgekommen, denn dann musste sie nicht selbst kochen. Und wozu hatte man schließlich eine Mutter, wenn man sich nicht von ihr bekochen ließ, auch noch mit dreißig.

„Hallo Liebes!“, erwiderte ihre Mutter den Gruß. Die Stimme war aus der Küche gekommen, so dass sich Katharina dorthin begab. Ihre Mutter wandte sich ihr kurz zu, umarmte sie, um sich dann sofort wieder den Töpfen zuzuwenden. Ihr Vater, der auf der Eckbank saß und bisher lustlos in der Zeitung geblättert hatte, sah nun zu ihr auf.
„Hallo Tochter!“, raunte er, „Was ist mit mir? Werde ich nicht umarmt?“
„Aber klar doch, Papa“, sagte Katharina lachend, woraufhin sie ihren Vater ebenfalls umarmte, bevor sie sich neben ihm niederließ.
„Ich hatte jetzt beim Hergehen ein echt spannendes Erlebnis, deshalb bin ich auch so spät dran“, hob Katharina zu erzählen an.
„Macht ja nichts, mein Kind, Hauptsache Du bist da“, erwiderte ihre Mutter eilfertig, ohne sich jedoch von den Töpfen wegzudrehen.
„Jedenfalls, es war ganz nahe bei meiner Wohnung, vielleicht hundert Meter entfernt, da sah ich einige Feuerwehrmänner, die um einen Gullideckel standen und diesen intensiv betrachteten“, begann Katharina ein weiteres Mal.
„Im Ernst?“, unterbrach sie ihr Vater, „Haben Feuerwehrmänner nicht was Besseres zu tun, als einen Gullideckel anzustarren?“
„Jetzt lass mich doch weitererzählen“, forderte Katharina, schon ein wenig ungeduldig werdend, „Ich wollte natürlich wissen, was da los war. Zunächst konnte ich nichts erkennen, aber endlich bewegte sich etwas zwischen den Streben, das genauso grau war, wie der Gullideckel. Es stellte sich also heraus, dass es eine Ratte war, die zwischen den Streben steckengeblieben war und sich nun nicht mehr selbst befreien konnte. Ich blieb also, wo ich war, um zu beobachten, was weiter geschehen würde.“
„Und was war weiter geschehen?“, unterbrach sie ihr Vater ein weiteres Mal.
„Die Feuerwehrmänner fuhren die schweren Geschütze auf, um das arme Tiere dort herauszubekommen“, fuhr Katharina fort, „Sie schnitten die Streben mit irgendetwas auf und konnten so die Ratte herausschieben, die wie von der Tarantel gestochen davonlief, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Inzwischen waren viele Menschen stehengeblieben, wohl auch aus den umliegenden Häusern gekommen, um das Schauspiel zu beobachten. Als die arme Ratte dann befreit war, klatschten sie alle und dankten den Feuerwehrmännern für ihren mutigen Einsatz für das arme Tier. Stellt Euch vor, wenn die nicht gewesen wären, die Ratte wäre glatt eingegangen oder überfahren worden oder etwas ähnlich Schlimmes. Vielleicht wäre auch eine Katze vorbeigekommen und hätte ihr bei lebendigem Leib den Kopf abgebissen, weil sie auch nicht davonlaufen hätte können und auch nicht wehren.“
„Nein, wie schrecklich, alleine die Vorstellung“, pflichtete ihr ihre Mutter bei, „Ja, es gibt schon gute Menschen, die sich sogar für die kleinste Kreatur einsetzen. Was für tapfere Burschen, bei der Feuerwehr.“
„Apropos Ratte“, lenkte nun Katharina das Gespräch in eine andere Richtung, „Was ist eigentlich aus der geworden, die Dich schon die längste Zeit quält, Papa?“
„Die wird mich nicht mehr ärgern“, erklärte ihr Vater, nun endlich die Zeitung Zeitung sein lassend, „Du weißt ja, dass Ratten verdammt schlau sind. Deshalb habe ich ein Gift gekauft, das garantiert geschmack- und geruchlos ist und auch erst nach einiger Zeit wirkt, damit die anderen Ratten nicht merken, was das Gift ist. Jedenfalls, ich mische es mit meinem feinsten Speck. Den habe ich für das Mistvieh geopfert. Es hat tatsächlich alles zusammengefressen. Irgendwo hat es ihr dann den Bauch aufgerissen.“
„Eine gute Lösung“, stellte Katharina fest, „Aber bist Du Dir sicher, dass sie auch wirklich tot ist?“
„Nun, sicher kann ich mir nicht sein, schließlich habe ich sie nicht gesehen, mit heraushängenden Därmen“, musste ihr Vater zugeben, „Aber ich denke doch, dass es sie erwischt hat, denn sie hat sich seitdem nicht mehr blicken lassen.“
„Selber schuld, was hat dieses Viech auch in unserem Haus verloren“, warf nun ihre Mutter ein.
„Genau, Ratten gehören nicht in Häuser. Da gehört vehement durchgegriffen, eine andere Sprache verstehen die ja nicht“, erklärte ihr Vater voller Überzeugung.

„Jetzt redets nicht dauernd von diesen grauslichen Viechern und kommts essen“, bestimmte die Mutter, woraufhin sich alle brav an den Esstisch setzten und zu essen begannen. Intensives Schweigen erfüllte für einige Momente den Raum, während nur geschnitten, in den Mund geschoben, gekaut und geschluckt wurde. Doch es hielt nicht lange vor, konnte nicht lange vorhalten.
„Ausgezeichnet, Dein Lammbraten“, verlieh Katharina ihrem Wohlbehagen Ausdruck. Der Vater gab nur ein zustimmendes Grunzen von sich, denn für eine gesprochene Erwiderung war er zu sehr mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt
„Das stammt auch von der Alm, aus Weidehaltung, ist auf der Packung gestanden“, erklärte die Mutter stolz, „Wie schön das sein muss, die Lämmer und ihre Mütter auf der Alm, friedlich grasend, nicht so wie in der Massentierhaltung.“
„Und dann kommt der Wolf“, warf Katharina ein, „Habt ihr das gelesen? Jetzt erst wieder hat ein Wolf ein Massaker in einer Schafsherde angerichtet. Als der Bauer in der Früh auf die Weide kam, fand er Schafe mit aufgerissenen Bäuchen und heraushängenden Gedärmen vor. Es muss schrecklich gewesen sein. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Die Mutterschafe, die ihre toten Lämmer beweinen müssen oder das kleine Baby, das da plötzlich ohne Mutter dasteht.“

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