Mit wem mitleiden und mit wem nicht? (2)

„Ich sage Euch, der Wolf hat in unseren Wäldern nichts verloren!“, kam nun endlich ein Einwurf vom Vater, der sein Mahl beendet und sich mit allen Anzeichen wohliger Zufriedenheit zurückgelehnt hatte. Jetzt konnte er auch wieder sprechen. „Nie zuvor gab es einen Wolf bei uns und wir brauchen ihn auch nicht. Schuld daran sind die, die meinen, wir müssten alle hereinlassen, Flüchtlinge und Wölfe. Man sieht ja was passiert. Die Flüchtlinge, das sind auch die, die die Tiere schächten, also ihnen bei lebendigem Leib ohne Betäubung den Hals aufschlitzen. Die Muslime und die Juden machen das. Da lob ich mir die gute Haltung und die humane Tötung. Man kann es drehen wie man will, die haben eben nicht unsere Zivilisation und nicht unsere Bildung.“
„Ganz genau“, gab ihm die Mutter recht, „Alle gehören erschossen.“
„Die Flüchtlinge?“, zeigte sich Katharina erstaunt, „Das ist aber jetzt schon arg.“

„Nein, ich meinte die Wölfe natürlich“, präzisierte die Mutter, „Die kann man ja schlecht zurückschicken.“
„Das stimmt“, meinte Katharina, „Die armen Schafe und die armen Lämmer und der arme Bauer. Mir tun die so leid. Da hat er sie mit Herzblut aufgezogen und dann so ein Massaker. Alle tot, in nur einer Nacht. Der Bauer war in Tränen aufgelöst, wurde berichtet.“
„Und wer ist schuld?“, warf der Vater eine Frage ein, die aber bloß rhetorisch war, denn jede*r am Tisch wusste, wer denn wirklich schuld war, am Wolf und an den Flüchtlingen.
„Die EU“, sagte die Mutter, beinahe überflüssigerweise, „Die verbietet den Wolfsabschuss und dass wir die Flüchtlinge zurückschicken. Immer dieses Gutmensch-Getue. Dabei geht es uns selbst nicht gut, sollen sie sich doch um die armen Leute bei uns kümmern. Da hätten sie genug zu tun.“
„Aber der Lammbraten, Mama, der war wirklich ausgezeichnet“, erklärte Katharina, nachdem sie sich noch den letzten Bissen einverleibt hatte.
„Das ist schon ein Unterschied, wenn es von der Alm kommt“, damit stand sie auf, räumte die Teller weg und ersetzte sie durch andere, die mit Kuchen beladen waren. Am Sonntag gab es immer Kuchen. Selbstgemachten. Das war sie ihrer Ehre als gute Hausfrau geschuldet. Dazu wurde Kaffee gereicht.

„Magst Du lieber Milch oder Schlagobers im Kaffee?“, fragte die Mutter.
„Milch ist mir lieber, Du weißt schon, wegen der Linie“, erklärte Katharina, während sie sich das erste Stück von der Malakofftorte in den Mund schob.
„Milch ist auch so gesund“, ergänzte die Mutter, „Gerade in meinem Alter, damit ich nicht auch diese Osteoporose bekomme, wie sie die Oma hatte. Das war immer noch wegen der Mangelernährung im Krieg. Da haben sie keine Milch gehabt. Nur die Bauern, und die haben keine abgegeben, wenn man sie nicht teuer bezahlt hat. Und meine Eltern waren arm. Die reichen Bauern haben nur auf sie herabgeschaut. Aber zum Glück sind die Zeiten jetzt andere. Alles ist friedlich und beschaulich.“
„Wenn ich herfahre, dann komme ich doch immer bei dem Bauern vorbei, ihr wisst schon, der am Anfang des Ortes“, erzählte Katharina, „Das ist ja ein Milchbauer und hat Kühe.“
„Das ist nichts Neues, das ist er schon so lange wir da wohnen und das sind jetzt bald 40 Jahre“, warf der Vater ein.
„Ich weiß, das ist auch noch nicht das Komische“, fuhr Katharina fort, „Jedenfalls hat doch ein Milchbauer Milchkühe, die die Milch geben?“
„Natürlich“, gab ihr die Mutter recht.
„Und die Milchkühe habe ich auch gesehen, die standen im Stall und haben gefressen“, meinte die Tochter, „Doch dann habe ich noch etwas gesehen, nämlich so kleine Boxen, die heraußen standen und in den Boxen waren Kälber, ganz kleine noch, ganz alleine. Also, das ist doch ein Witz. Wozu nimmt sich so ein Milchbauer Kälber, wenn er doch eh seine Milchkühe hat, die Milch geben?“
„Vielleicht verkauft er jetzt auch Kalbfleisch“, versuchte sich die Mutter an einer Lösung, weil sie sich auch nicht erklären konnte, wie das zusammenhing.
„Aber bei uns wird so gut wie kein Kalbfleisch gegessen“, warf der Vater ein, „Das habe ich erst vor Kurzem gelesen.“
„Aber diese armen Kälbchen!“, kam nun Katharina auf ihre Entdeckung zurück, „Die haben mir so leid getan, so wie sie in ihren Boxen lagen und niemand hat sich um sie gekümmert.“
„Die sind eh noch gut dran“, erklärte der Vater, „Ich habe jetzt so einen Bericht über Kälbertransporte gesehen.“
„Und schuld ist, dass wir kein Kalbfleisch essen“, meinte die Mutter, „Nächste Woche gibt es Kalbsschnitzel.“
„Aber eines konnte entkommen“, fuhr der Vater unbeirrt fort, „Stellt Euch vor, dieses Kalb hüpfte über die hohe Ladebordwand in die Freiheit. Sie haben es lange verfolgt, aber sie konnten es nicht einfangen. Alle haben mitgefiebert, weil jeder hoffte, es dürfte leben. Dann hat sich ein Lebenshof bereiterklärt, den Kleinen zu nehmen. Jetzt lebt er in Sicherheit. Er wurde gerettet und nicht geschlachtet.“
„Was für eine wundervolle Geschichte!“, meinte Katharina sinnend, um dann einen großen Schluck von ihrem Milchkaffee zu trinken.

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