„Mein Hund liebt mich“ – Tatsächlich?

„Mein Hund liebt mich“, wahlweise auch jedes andere sog. Haustier, „Treu und anhänglich und unverbrüchlich“ heißt es. Aber ist es dem tatsächlich so?

Meine Hunde liegen bei mir. Sie sind da. Sie sind immer da. Ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Hat es ein Leben ohne sie gegeben? Natürlich hat es das, aber was weiß ich schon noch davon. Es kommt mir so vor, als wäre es niemals anders gewesen, weil ihr Da-Sein mein Leben bereichert. Wortlos, aber immer zugewandt. Ich habe die Verantwortung übernommen, als ich sie in mein Haus und mein Leben holte. Es war nicht ihre Entscheidung. Sie hatten nichts zu entscheiden, sondern mussten es geschehen lassen.

Sich zu entscheiden einen nicht-menschlichen Gefährten zu sich zu nehmen, bedeutet über den Kopf eines anderen hinweg etwas zu machen. Und dieser hat keine andere Wahl als es geschehen zu lassen. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Es ist eine diktatorische Entscheidung. Kinder zu bekommen und nicht-menschliche Gefährten zu haben ist letztlich eine zutiefst egozentrische Entscheidung. Ich alleine entscheide. Im Falle der Kinder noch ein zweiter Mensch, aber niemals entscheidet derjenige, den die Entscheidung betrifft. Deshalb ist diese Verantwortung eine allumfassende. Ich habe meine Entscheidung zu verantworten und zu tragen. In jedem Moment. Dennoch bilde ich mir ein, dass sie mich lieben, wie eben Menschen meinen, andere Lebewesen vereinnahmen zu dürfen, für sich. Kann denn eine Liebe sein, die keine Freiheit kennt? Kann das Liebe sein, die keine Wahl hat? Kann ich denn allen Ernstes verlangen, geliebt zu werden, obwohl ich gesagt habe, für den anderen, dass es so zu sein hat? Und dennoch bilde ich es mir ein, weil ich es mir einbilden will. Doch nicht nur deshalb, sondern auch und vor allem, weil ich ein Mensch bin und mich als solcher als Meister über meine Mitgeschöpfe aufspiele. Kann das denn wirklich Liebe sein und nicht nur ein Vereinnahmen und Beherrschen?

Unsere domestizierten Mitgeschöpfe sind Meister der Anpassung. Klaglos nehmen sie hin was ich für sie entscheide. Es scheint, als wäre es weder besser noch schlechter als irgendeine andere Entscheidung. Sie leben ihr Leben mit aller Intensität, die ihnen möglich sind. Springen um mich, wenn ich mich anziehe und die Leinen nehme, womit sie wissen, dass es Zeit ist für einen Spaziergang. Sind hellwach und aufmerksam, wenn ich die Futterschüsseln nehme, um sie zu füllen. Es ist die beste aller Möglichkeiten für sie, die sie nutzen. Ich erkenne etwas, was wir Menschen nur sehr selten können.

Tag um Tag, Moment um Moment in aller Einfachheit und Klarheit zu leben. Das ist auch der Grund, warum so viele Haustiere misshandelt werden. Es ist der Neid des Menschen auf dieses Können, im Leben zu sein und zu bleiben, bis zum letzten Moment. Damit geben sie uns mehr, als wir ihnen je geben könnten. Einen Fixpunkt im Leben. Treue bis in den Tod. Sie sind da, mit aller Selbstverständlichkeit, verraten uns nicht und wollen uns nichts Böses. Wir missbrauchen sie auch in der Weise, als wir sie als Ersatz für menschliche Bezugspartner*innen missbrauchen. Sie liebten uns angeblich bedingungslos, nennen wir es. Dabei ist es keine Bedingungslosigkeit, sondern eine Abwesenheit von Wahlmöglichkeiten. Und wer keine Wahl hat, kann sich nicht für die Liebe entscheiden, denn eine der Grundvoraussetzungen der Liebe ist die Freiheit. Ich habe diese Freiheit, sie nicht. Ist es trotzdem Liebe, eine ihrer reichen Facetten? Es ist die einseitige, vereinnahmende und der Autonomie beraubende. Auch so kann Liebe aussehen. Oder ist das Wort dann falsch.

Vereinnahmung geschieht nicht nur bei unseren nicht-menschlichen Mitgeschöpfen. Wir praktizieren sie auch bei Kindern, Partnern oder wer auch immer in der Situation ist, keine Wahl zu haben. Überall treffen wir auf sie. Voraussetzung, dass es funktioniert ist, dass dem Unterlegenen, Vereinnahmten und Unterdrückten der Wille gebrochen wird. Da kennen wir ausnahmsweise keinen Speziesismus. Das ist auch der Grund, warum so viele gebrochene, abhängige, gefügige Geschöpfe in unserer Gesellschaft sind. Weil wir Abhängigkeit und Anhänglichkeit mit Liebe titulieren und meinen das Beste zu tun. Was bis zu einem gewissen Grad auch stimmt, denn der, der beherrscht tut auf jeden Fall das Beste für sich selbst. Aber Liebe ist es nicht. Nicht die kleinste Spur. Desto schwerer wiegt meine Verantwortung ihnen gegenüber. Es wäre natürlich töricht zu meinen, ich könnte ihnen die Freiheit geben, denn sie haben sie nie gelernt und würden sie auch nicht mehr wollen. Ich habe vor Jahren eine Entscheidung für sie getroffen, die ich nun tragen muss und will. Wenn sie schon kein autonomes Leben führen dürfen und können, dann haben sie es sich zumindest verdient ein würde- und respektvolles zu führen, in dem ihnen zumindest das Stück Freiheit, das für ein domestiziertes nicht-menschliches Geschöpf innerhalb einer zivilisationsdegenerierten Menschenwelt möglich ist, zu geben. Das ist das Mindeste und eigentlich das Einzige, was ich ihnen zurückgeben kann.

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