Einfach nur normal

Sabrina wollte nur eines, ihr ganz normales Leben zurückhaben. Vor einigen Monaten war sie vegan geworden. Die Gründe waren so simpel, wie einleuchtend. Nachdem sie sich näher mit dem Umgang mit sog. Nutztieren in unserer Gesellschaft, die Auswirkungen auf die Umwelt und die eigene Gesundheit auseinandergesetzt hatte, war klar, dass es keine Alternative gab. Mit Feuereifer begann sie sich mit den vielfältigen Möglichkeiten der veganen Ernährung auseinanderzusetzen und fühlte sich topfit und energiegeladen. Alles wäre gut gewesen, wenn da nicht die Umwelt und ihre eigene Wahrnehmung gewesen wären.

In ihrer Begeisterung erzählte sie jeder von ihren neugewonnen Erkenntnissen, brachte selbstgebackene, vegane Muffins und erwartete, dass sich die anderen Menschen nun auch mit dem Thema auseinandersetzen würden. Aber weit gefehlt. Vorneweg war es ihre Familie, die sich darüber mokierte, dass man sie jetzt nicht mehr einladen könne, mit ihrer Essstörung. Aber auch ihre Freund*innen waren nicht besser, denn sie meinten, dass sie ihnen ihren Willen aufzwingen wolle. Neben den sattsam bekannten Veganer*innenwitze, konnte sie sich auch die immer wieder genannten Vorurteile anhören. Aber selbst das war noch nicht das Schlimmste.

„Das Schlimmste“, so erzählte sie mir freimütig, „War meine eigene Wahrnehmung. Wenn mein Freund in der Früh seine Schinkensemmel aß, musste ich sofort an die Schweine auf Vollspaltenböden denken, an die Mütter in den Kastenständen und die betäubungslose Ferkelkastration. Vor meinen Augen färbte sich die Milch, die er in den Kaffee tat rot und ich sah die Kälbchen in ihren Boxen, die verzweifelt nach der Mutter schreien oder auf den Transportern, verlassen und unversorgt. Während er das Frühstücksei aufklopfte, erschienen die Bilder von den Hennen ohne Federn, die kaum noch aufrecht gehen können, vor meinem geistigen Auge. Aber das war nur zu Hause. Wenn ich im Supermarkt einkaufte und dabei am Fleisch- oder Wurstregal vorbeiging, da tauchten die Seelen von all den malträtierten, misshandelten Geschöpfen auf, die hier feinsäuberlich aufgeschnitten lagen, um gekauft zu werden. Lief mir jemand mit einem Pelz über den Weg, dann sah ich die eingepferchten Tiere in den Pelzfarmen vor mir. Und beim Kosmetikregal waren es die Schreie der Versuchstiere, die mich verfolgten. Auch in der Apotheke war es nicht besser. Kurz gesagt, wohin ich auch schaute, wohin ich auch ging, überall war ich umgeben von Tod und Verderben. Ich sah es, die anderen nicht. Ein paar Monate zuvor hatte ich es auch noch nicht gesehen, weil es mir nicht bewusst war. Ich habe eben so vor mich hingelebt, wie alle anderen auch, habe mich nicht arrangiert mit dem Tod, sondern ich stellte erst gar keinen Zusammenhang her. Deshalb können auch so viele sich über den Veganismus lustig machen, weil sie es nicht sehen und nicht sehen wollen. Wir sind damit aufgewachsen, haben es nicht hinterfragt und es gibt schließlich so viele andere Probleme, um die wir uns tagtäglich kümmern müssen. Doch dann habe ich den Fehler begangen, dass ich mehr wissen wollte, mir das ganze Elend bewusst wurde. Und weil es mir bewusst ist, sehe ich es. Die Abschottung funktioniert nicht mehr, auch nicht die Verleugnung, denn man kann nicht einfach in den Zustand der Unschuld zurückkehren, wenn man ihn einmal verlassen hat. Und dann passieren seltsame Dinge. Ich treffe mich mit einer Freundin auf einen Kaffee. Wenn sie sich die Milch in den Kaffee gießt, verfällt meine Miene offenbar, so dass sie mich fragt, ob mit mir was nicht stimme. Ich sage es ihr, das mit den Kühen und den Kälbern. Worauf sie sich angewidert zeigt und meint, ich solle sie doch bloß damit in Ruhe lassen. Außerdem brauche ich nicht so angerührt zu sein, denn sie trinke ja sowieso nur ganz wenig Milch und dafür seien Kühe schließlich da. Sie sollten doch froh sein, dass wir sie wegen der Milch züchten, weil sie sonst gar nicht auf der Welt wären. In einem letzten Vorstoß versuche ich ihr das Leid zu vermitteln. Worauf sie erwidert, sie wolle das gar nicht hören, denn das würde ihr nur den Appetit verderben. Aber warum sie dann nicht vegan wäre, frage ich abschließend. Weil das nicht normal wäre, sagt sie prompt. Dann hat sie mich nicht mehr angerufen. Ich fühle mich wie eine Ausgestoßene, wünschte, ich könnte das rückgängig machen und nicht mehr wissen, was ich jetzt weiß. Ich wünschte, ich könnte einfach wieder normal werden.“

Sabrina ist kein Einzelfall. Warum nur wird es Menschen, die sich für das Wohl anderer einsetzen in unserer Gesellschaft so schwer gemacht? Ganz einfach, weil wir nichts ändern wollen und einfach so bleiben wollen, wie wir sind, nämlich normal. Deshalb wird Sabrina wohl ihr Engagement lassen und wieder tierliche Produkte konsumieren, bloß um nicht aufzufallen und der Normalität zu entsprechen. Es sind nicht viele stark genug, sich gegen die Mehrheit zu behaupten. Deshalb ist es desto wichtiger, sie zu unterstützen, damit sie eines Tages sagen können, ich lebe in einer Gesellschaft, in der es normal ist, kein Leid zu verursachen und die ausgesondert werden, die an der Grausamkeit immer noch festhalten. Ich hoffe nur, dass Sabrina und all die anderen so lange durchhalten.

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16 Gedanken zu „Einfach nur normal

  1. Ulrike

    Das Schlimme an Vegetariern und Veganer ist nicht dass sie esing sondern dass sie alle bekehren wollen. Sabrina kann weiterhin vegan bleiben. Sie sollte nur nicht so aufdringlich dafür werben. Auch sie sollte sich ein wenig toleranter verhalten. LG Ulrike

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    1. novels4utoo

      Meine Erfahrung ist genau anders herum. Sobald irgendwer merkt, dass ich vegan lebe, auch wenn ich es nicht sage, werde ich angegangen. Mir wird vorgeworfen, bekehren zu wollen, einfach indem ich da bin. Vielleicht einach einmal ein wenig die eigene Wahrnehmung hinterfragen, denn über etwas reden ist kein Bekehrungsversuch. Andererseits sollte man doch darüber nachdenken, warum man immer noch tierliche Produkte zu sich nehmen muss, angesichts Klimawandel, Tierleid und gesundheitlichen Schäden.

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      1. Ulrike

        Und schon kommst du mit deinen Belehrungen: „Andererseits sollte man doch darüber nachdenken, warum man immer noch tierliche Produkte zu sich nehmen muss, angesichts Klimawandel, Tierleid und gesundheitlichen Schäden.“ Das meinte ich!

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      2. novels4utoo

        Finde ich spannend, dass Du das als Belehrung siehst. Also ist es illegitim jemandem zu sagen, es wäre nicht verkehrt sich mit den Zusammenhängen zwischen der Ernährung und den Auswirkungen auf das Klima, das Artensterben etc. auseinanderzusetzen? Wenn dem so ist, dann willst Du offenbar, dass sich die Veganer*innen still in Eckerl setzen und gar nichts mehr sagen? Das sagt natürlich sehr viel aus.

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      3. cao

        Ich verstehe nicht, was daran eine Belehrung sein soll? Es ist doch einfach eine Tatsache, dass Fleischkonsum sich negativ auf Klima, Gesundheit und Tierwohl auswirken?!
        Und du gibst in deinem verlinkten Blogartikel ebenso Tipps für nachhaltiges Reisen, das sind dann wohl genauso Belehrungen! zB. die Aussage, dass man auf coffee to go verzichten soll angesichts des Plastikmülls und dem Energieverbrauch. Du betonst sogar extra, dass man ohne Kaffee überleben kann – das kann man ohne tierische Produkte zu konsumieren auch 😉

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  2. Ulrike

    Woher willst Du denn wissen, dass ich mich damit nicht auseinandersetze? Ich komme nur zu anderen Schlüssen. Und ich erwarte, dass Veganer das genauso akzeptieren,und Ruhe geben.

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    1. novels4utoo

      Dann ist es gut. Und zu welchen Schlüssen kommst Du? Was ich nicht weiß, kann ich nicht akzeptieren. Siehst Du, Du sagst, sie sollen Ruhe geben. Warum stört Dich das so, dass Veganer*innen Fakten auf den Tisch legen?

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      1. novels4utoo

        Es ist ein sehr umfangreicher Artikel, aber es kommt nicht vor, wie sich der Fleischkonsum auf die Umwelt auswirkt. Das wird geflissentlich ausgeklammert. Außerdem geht es nicht ums Verbieten – die einfache Replik auf meine Aufforderung darüber nachzudenken wäre übrigens gewesen, mach ich eh und gut – sondern sich die Fakten anzusehen, und die Produktion von tierlichen Produkten ist der größte Treiber des Klimawandels. Wenn man diese Fakten ernst nimmt, dann ist der Schluss naheliegend, darauf zu verzichten.

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      2. Ulrike

        Antwort zu CAO
        Ja, vielleicht sind das auch Belehrungen. Wenn Du genau hinsiehst, wirst Du aber sehen, dass ich das nicht ganz so radikal meine. Ich lasse Veganismus zu, aber ich verurteile nicht alles andere. Ich liebe es, Fleisch zu essen und Kaffee zu trinken, aber ich würde niemals sagen, dass alles andere schädlich ist. Das Radikale und allen Menschen das Fleischessen (z.B.) verbieten, ist intolerant und wenig überlegt. Was wäre denn mit Völkern, deren Ernährung auf Fleisch beruht, die kaum Gemüse anpflanzen können (Inuit, Tibeter, Mongolen etc.) ? Und auch bei uns würde ein radikales Verbot von Fleisch essen, viele Farmer oder Metzger den sicheren Ruin bringen. Ich bin dafür, ausgewogen Fleisch zu essen, also nicht zuviel aber auch nicht zu wenig.
        Gruss
        Ulrike

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      3. novels4utoo

        Das ist aber sehr freundlich, dass Du Veganismus zulässt.
        Zunächst einmal ist niemals die Rede davon gewesen Fleischessen zu verbieten. Woher hast Du das? Worum es geht ist Aufklärung, über die Lebensbedingungen der Tiere, die Umstände des Futtermittelanbaus, der Umgang mit den Weltmeeren und die ökologischen Auswirkungen. Und da rede ich in erster Linie über die westlichen Länder, Europa und USA, die den größten Fleischverbrauch aufweisen mit den entsprechenden Folgen. Und wie viele Inuit, Mongolen etc. gibt es demgegenüber? Das ist auch ein anderes Thema und dient normalerweise dazu, abzulenken. Wir sind weder Inuit noch Mongolen, deren Lebensraum wir übrigens auch zerstören, nur ganz nebenbei, sondern wir leben unter klimatischen Bedingungen, die uns erlauben, alles anzubauen, was wir brauchen. Was die wirtschaftliche Grundlage der Landwirt*innen betrifft – pflanzliche Nahrung kommt auch von ihnen. Wären die Subventionen nicht, wären sie längst schon im Konkurs. Und was heißt ausgewegen Fleisch essen? Fleisch ist auf alle Fälle ungesund, egal wie viel. Aber nochmals, kein Mensch redet von Verboten – es geht um Einsicht und Bewusstseinsbildung und das Aufbrechen von Gedanken, die einfach nicht stimmen, z.B. dass der Mensch Fleisch braucht.

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  3. cao

    Ich lebe seit über 10 Jahren vegan und erlebe es ähnlich. Ebenso wie bei vielen anderen Themen. Ich habe oft das Gefühl, je mehr man sich informiert uns weiß, desto weniger mag man überhaupt konsumieren/kaufen – was ja nur bis zu einem gewissen Punkt machbar ist…

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