Unverhofft

Ariman, der 14jährige Sohn einer kurdischen Familie, die im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses wohnte, kurvte wie gewohnt mit seinem Trialrad herum. Seltsam war nur, dass Martha Gruber, die alte, verbitterte Dame aus dem ersten Stock, ihr Missfallen noch nicht zum Ausdruck gebracht hatte. Bis jetzt hatte sie noch keinen Tag verstreichen lassen, ohne von jeder sich ihr bietenden Gelegenheit Gebrauch zu machen. Schließlich hat sie an allem etwas auszusetzen. „Fahr nicht so schnell“ oder „Wehe, wenn Du mal wo anfährst“ oder „Mach nicht ständig so einen Krach“, waren einige der verbalen Attacken gegen den Jungen. „Denk dran, dass sie erst vor einem Jahr ihren Mann verloren hat“, erinnerte Liloz, Arimans Mutter, ihn jedes Mal, wenn er traurig über solche Attacken, nach Hause kam, „Jetzt ist sie ganz alleine und bald ist Weihnachten.“ Sie hatte ja recht, musste Ariman zugeben. Er hatte seine Familie, Mama, Papa und zwei Schwestern, nur die alte Frau hatte niemanden. Nun, ganz stimmte das nicht. Da war noch Cora, ihre auch schon betagte Golden Retriever Hündin, mit der Martha Gruber jeden Tag zwei Mal spazieren ging, immer zur selben Zeit, immer dieselbe Strecke.

„Apropos Cora“, dachte Ariman plötzlich, als er am Straßenrand die Hündin sitzen sah, „Kein Gekeife von der Fr. Gruber und dann noch Cora alleine, da kann doch was nicht stimmen.“ Abrupt bremste er ab, lehnte sein Fahrrad an eine Laterne und ging auf die Hündin zu. Nachdem weit und breit niemand zu sehen war, beschloss er, mit ihr nach Hause zu gehen. Er würde schon herausfinden, was passiert war. Als er gerade die Haustüre öffnen wollte, erschien seine Mutter, die sehr erleichtert zu sein schien, dass Ariman nicht alleine war. „Ich habe sie am Straßenrand gefunden und sie mitgenommen“, gestand er seiner Mutter. „Das hast Du gut gemacht“, erklärte Liloz und strich ihrem Sohn über die dunklen Locken, was ihn augenblicklich zurückzucken ließ. „Nicht Mama, wenn das wer sieht“, flüsterte er, was Liloz zum Lachen brachte. „Ist was passiert?“, fragte er, in normaler Lautstärke. „Frau Gruber ist gestürzt, als sie gerade mit Cora unterwegs war“, erzählte seine Mutter, „Sie ist wohl ausgerutscht und konnte nicht mehr aufstehen. Irgendwer hat dann die Rettung verständigt, die sie mitnahm. Cora blieb offensichtlich sitzen, als ihr Frauchen weggeführt wurde, in aller Ruhe wartend, bis sie wieder zurückkommen würde. Solch ein Vertrauen hat sie ins Leben.“ Sanft strich Liloz der Hündin übers Fell, die freudig mit dem Schwanz wedelte. „Jetzt kommt sie erstmal zu uns und wenn die Frau Gruber zurückkommt, dann bringen wir sie zurück.“

Drei Tage später kehrte Martha Gruber in ihr Heim zurück. Sie hatte sich einen Oberschenkelhals zugezogen und war operiert worden. Aufgrund ihrer guten Konstitution konnte sie der Arzt bereits nach dieser kurzen Zeit nach Hause gehen lassen. „Warum haben Sie es denn so eilig?“, fragte sie der Arzt. „Ich muss doch nach Hause zu meiner Hündin. Ich weiß nicht was mit ihr ist.“ Als sie ihre Wohnung betrat, fand sie keine Cora vor. Sie machte sich die schrecklichsten Sorgen. „Was war mit ihr passiert? War ihr was zugestoßen?“, fragte sie sich, „Und selbst wenn nicht, wovon hatte sie gelebt, diese drei Tage?“ Zu ihrer Freude und ihrem Erstaunen erfuhr sie von der Nachbarin, dass Cora im dritten Stock bei diesen Kurden untergekommen war und der Sohn, dieser Ariman, der mit dem komischen Rad, der ginge nun jeden Tag mit ihr spazieren. „Das hat er tatsächlich für mich getan?“, dachte sich Fr. Gruber, „Und das, wo ich immer so gemein zu ihm war. Aber das werde ich wieder gutmachen.“ Kurzentschlossen ließ sie die verdatterte Nachbarin stehen und fuhr mit dem Lift hinauf in den dritten Stock. Noch bevor sich die Fahrstuhltüre geöffnet hatte, vernahm sie Coras freudiges Bellen. Einige Augenblicke später war sie wieder bei Cora. Ariman stand neben ihr. „Ich habe gehört, dass Du Dich um meine Hündin gekümmert hast, während ich im Spital war“, sagte Martha Gruber, ungewohnt sanft, „Ich kann Dir gar nicht sagen, wie dankbar ich Dir bin und ich wollte mich entschuldigen für mein Benehmen. Du bist ein toller Junge.“ „Ich würde mich auch gerne weiter um sie kümmern, so lange Sie …“, erwiderte Ariman schüchtern, sichtlich die richtigen Worte suchend. „So lange ich mit diesem komischen Rollator herumlaufen muss, wolltest Du sagen“, half ihm Martha Gruber auf die Sprünge. „Ja, so ähnlich“, erwiderte Ariman leise. „Das ist toll von Dir“, meinte Frau Gruber, die endlich verstanden hatte, dass Ariman sie nicht ärgern wollte, sondern nur Freude am Leben hatte, eine Freude, die Martha Gruber schon so lange verloren hatte. Und auch das Zutrauen. Ariman hatte ihr beides wiedergeschenkt.

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