Laras Weihnachten unter Fleischessern (2)

Lara hatte von Anfang an ein mulmiges Gefühl gehabt. Nicht, dass es einen besonderen Anlass gab. Eigentlich hätte sie sich freuen müssen. Ihre Mutter hatte sie in den letzten Tagen vor dem Heiligen Abend immer wieder gefragt, was man denn so esse als Veganerin und was sie kochen könnte. Lara hatte ihr mehr als bereitwillig Auskunft gegeben. Je mehr sie sich ausgetauscht hatten, desto mehr hatte Lara den Eindruck, dass ihre Mutter sogar Spaß daran gefunden hatte. Doch ihre Mutter, die ihren Namen Sophie, die Weisheit, zurecht trug, war immer schon ein sehr offener, unkonventioneller und experimentierfreudiger Mensch gewesen. Mehr Sorgen hatte sie sich wegen ihres Vaters gemacht, der sehr konservativ war und große Stücke auf Traditionen hielt. Ebenso wie ihre Brüder, die ihrem Vater in sehr Vielem nacheiferten. Dementsprechend zaghaft hatte sie die Wohnung ihrer Eltern betreten.

Sophie war sofort aus der Küche zu ihr gegangen, freudestrahlend und voller Herzlichkeit. „Lara, wie schön, dass Du da bist“, hatte sie ihrer Tochter gesagt und schloss sie in die Arme. Lara hatte die Umarmung erwidert und es war ihr ein wenig leichter geworden. „Wie töricht Du doch bist“, hatte sie sich selbst gescholten, „Was sollte schon schiefgehen.“ „Geh zu Deinem Vater und Deinen Brüdern“, hatte nun Sophie ihre Tochter aufgefordert, „Die drei sitzen mit ihrem obligatorischen Whiskey in der Bibliothek. Ich mache nur noch schnell alles fertig, und dann können wir essen. Sag ihnen, sie sollen in zehn Minuten ins Esszimmer kommen.“ Damit hatte sie sich umgedreht und zurück in die Küche gehen wollen, als sie von Lara aufgehalten wurde: „Soll ich Dir nicht zur Hand gehen?“, hatte sie gefragt. „So ein Unsinn, Du bist heute da, um Dich verwöhnen zu lassen“, hatte ihre Mutter widersprochen und Lara in Richtung des besagten Zimmers gescheucht. Vorsichtig hatte Lara die Türe zur Bibliothek geöffnet. Im Kamin hatte ein anheimelndes Feuer gebrannt und beim großen Fenster hatte der Weihnachtsbaum gestanden, perfekt geschmückt, wie Lara es von ihrer Mutter gewohnt war. Die drei Männer hatten in tiefen Fauteuils gesessen und die goldbraune Flüssigkeit aus entsprechenden Gläsern getrunken. Als sie die Türe ganz geöffnet hatte, hatten die drei ihr angeregtes Gespräch unterbrochen und sich ihr zugewandt. „Ach, die verlorene Tochter kehrt zurück“, hatte ihr Vater lapidar verkündet. Lara hatte nicht sagen können, ob noch immer ihr Weggang nach Graz zwischen ihnen gestanden hatte, was ihr Vater als Affront gegen seine Person aufgefasst haben könnte oder die Tatsache, dass sie vom normalen Weg, wie er es wohl gesehen hatte, abgewichen war und nun vegan lebte. Dafür hatten zumindest ihre Brüder sie mit einer Umarmung und einer gewissen linkischen Herzlichkeit empfangen. Allzu sehr hatten sie sich ihre Freude allerdings nicht anmerken lassen dürfen, denn ihnen war die Spannung zwischen Vater und Tochter sicherlich nicht entgangen, wenn der Vater nicht sowieso darüber gesprochen hatte. Ihre Brüder waren zwar eigenständige, erwachsene Männer, hatten es aber dennoch nicht geschafft sich der Autorität ihres Vaters nicht zu unterwerfen, was Lara nicht verstand, da sie in keinerlei Abhängigkeitsverhältnis standen. Vielleicht war es einfach normal, was auch immer das heißen mochte, dass die meisten Menschen gegenüber ihren Eltern immer Kinder blieben, deren Wohlwollen sie nicht verlieren mochten. „Ich freue mich auch, Euch zu sehen“, hatte Lara erklärt, ohne sich von der Spitze ihres Vaters verunsichern zu lassen, „Und ich soll Euch ausrichten, dass wir in zehn Minuten ins Esszimmer kommen sollen.“ „Wie geht es übrigens mit Deinen Studien voran? Ich hoffe doch gut?“, hatte ihr Vater unvermittelt eingeworfen. „Sehr gut sogar“, hatte Lara trocken erwidert, die sich im Klaren darüber war, dass ihr Vater mit den Kollegen in Graz in Kontakt war und dementsprechende Erkundigungen eingeholt hatte. Deshalb hatte sie hinzugesetzt, „Wie Du sehr genau weißt.“ „Dann lasst uns mal die Gans verschmausen“, hatte ihr Vater, wiederum das Thema spontan ändernd, eingeworfen und dabei Lara mit einem hämischen Blick bedacht, die jedoch, scheinbar unberührt, kehrt gemacht hatte, um ihnen voran ins Esszimmer zu gehen. Tatsächlich stand mitten auf dem Tisch die obligatorische Gans, daneben Rotkraut und Knödel. Letztes Jahr hatte Lara noch davon gegessen. Und wenn sie ehrlich zu sich war, so hatte es ihr geschmeckt. Doch da hatte sie nur das Fleisch gesehen, ganz im Gegensatz zu diesem Abend. Das mulmige Gefühl war mit voller Wucht zurückgekehrt. „Setzt Euch doch“, hatte ihre Mutter sie aufgefordert, woraufhin alle dieser Aufforderung Folge geleistet hatten.

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