Unverhofft

Seit Stunden saß ich nun da und meine Gedanken drehten sich im Kreis. Unbedingt musste ich fertig werden. Der Termin hing wie ein Damokles-schwert über meinem Nacken. „Woher kommt überhaupt der Ausdruck ‚Damoklesschwert‘?“, ging es mir unvermittelt durch den Kopf, und sofort ging ich daran, es nachzuschlagen. Da hatte ich zumindest den Eindruck, etwas zu tun. Doch wem machte ich etwas vor? Mir selbst. Immer nur mir selbst. Tat so, als wäre das jetzt wichtig. Doch das war es nicht. Wichtig war die Arbeit, die fertig gemacht werden wollte, und ich kam keinen Schritt vorwärts. Wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt, kam ich mir vor, und selbiger setzte sich nun auch noch vor mir hin und winselte. Verstohlen sah ich auf die Uhr. Er wollte raus, sich bewegen. Natürlich, es war höchste Zeit. „Ja, wir gehen gleich“, sagte ich beschwichtigend, aber halbherzig, „Ich mach das da nur noch schnell fertig, dann gehen wir. Das musst Du doch verstehen!“

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Immer an meiner Seite

Ich sitze auf den Stiegen, die zur Eingangstüre zum Haus meiner Großeltern führen und versuche mich zu sammeln. Wann war ich das letzte Mal hier gewesen? Es muss viele Jahre her sein. Nichts mehr ist, wie es damals war. Meine Großeltern sind schon lange tot. Jetzt wohnt meine Tante in dem Haus, aber das ist nicht der Grund, warum ich ungern herkomme. Denn schon in diesem Damals, als sie noch lebten, war nichts mehr, so wie es vorher war. Vor dem Damals war eine glückliche Zeit für mich, diese ersten Jahre meines Daseins. Eigentlich bin ich hier aufgewachsen und mit an meiner Seite, so lange ich denken konnte, ein schwarzer Spaniel.

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Der Experimentator

„Schau mal, er ist endlich aufgewacht“, drang eine weibliche Stimme an sein Ohr. Er lag auf einem kalten Tisch. Es war ihm sofort klar, um welchen Tisch es sich handelte, einen klinisch sauberen, seinen Experimentiertisch, an dem er schon so viele Tiere festgeschnallt hatte. Die Zeiten, in denen man die Tiere, mit denen die Wissenschaft ihre Spielchen trieb, annageln durfte, waren leider vorbei. Wie sehr wünschte er sich, er hätte zurzeit Claude Bernards oder Rene Descartes gelebt. Da konnte man in seinem Labor noch schalten und walten, wie man wollte, ohne dass einem ständig jemand ins Handwerk pfuschte. Aber heutzutage musste man sich für jeden kleinen Pickser bei einer Maus rechtfertigen, als wenn eine Maus oder 10.000 oder mehr eine Rolle spielen würden. Dabei leisteten sie, er und sein Team, großartige Arbeit für die Wissenschaft. Er versuchte sich aufzurichten, doch er war an den Tisch gekettet. Nicht einen Zentimeter vermochte er seine Arme oder Beine anzuheben. Selbst der Kopf war mittels einer Halsmanschette fixiert, so dass er ihn nicht einmal von links nach rechts zu drehen vermochte, sondern nur stur geradeaus blicken konnte, mitten in die schwärzeste Dunkelheit, wie ihm vorkam.

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Bis zum letzten Atemzug

Gefangen in den Alltäglichkeiten,
vereinnahmt von all den Dingen,
die zu tun sind,
zusammengepresst vom Druck des Faktischen,
hatte ich keine Wahl,
weil ich sie nicht haben wollte.
Keine Zeit.
Keine Geduld.
Keine Notwendigkeit.

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Fische leiden ungehört

Tim ging jeden Tag, wenn er von der Schule nach Hause ging, am Mühlenweiher vorbei. Nicht direkt, um ganz ehrlich zu sein. Vielmehr nahm er einen Umweg von ungefähr zehn Minuten in Kauf, um seinen Freund zu besuchen. Er hatte ihn Red genannt, weil es sich um eine Rotfeder handelte, einen kleinen Fisch mit markanten Merkmalen. Auch wenn es seltsam anmuten mag, aber Tim, mit seinen gerade mal zehn Jahren hatte einen ausgeprägten Sinn für die Natur. Er fühlte sich ihr zutiefst verbunden. Wahrscheinlich legen die meisten Menschen das erst später in ihrem Leben ab. Tim jedenfalls konnte es noch, die Natur um sich einfach wahrzunehmen, wie sie war, ohne jegliche Ansprüche zu stellen. So hatte er es sich schon vor längerer Zeit zur Angewohnheit gemacht, eine Zeitlang auf dem Steg zu verweilen und das Wasser zu beobachten. Eines Tages geschah etwas, was wohl noch wenige Menschen erleben durften, aber die meisten Menschen hätten auch nicht die Geduld gehabt und die Absichtslosigkeit.

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Die Mottenfalle oder Die schwerwiegenden ethischen Verstöße der Veganer*innen

Ein offener Brief eines bekennenden Fleischfressers an die heuchlerischen Veganer

Sehr geehrte Damen und Herren aus Veganien!

Immer wieder und wieder versucht ihr mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich Fleisch esse. Dabei esse ich nur ganz wenig, so höchstens einmal am Tag. Und dann nur das vom Nachbarbauern, der es liebevoll zu Tode streichelt. Ich weiß das, ich war dabei, also quasi. Bitte ich lebe ja in der Stadt und der Nachbarbauer ist in Argentinien, aber im Sinne der Globalisierung und der weltweiten Toleranz sind wir doch alle Nachbarn. Jetzt werdet ihr auch noch nationalistisch, ihr heuchlerisches Pack, rassistisch wahrscheinlich gar. Wieder ein moralischer Makel. Und der streichelt seine Tiere ganz liebevoll zu Tode, wie erwähnt. Das habe ich selbst gesehen, also quasi. Er hat es mir gesagt. Ich kann zwar nicht brasilianisch, aber das muss es geheißen haben. Aber das alles brauche ich gar nicht anzuführen, denn die eigentlichen Heuchler seid ihr. Für euch werden vielleicht keine Tiere getötet, aber ich habe es jetzt mit eigenen Augen, mit diesen in meinem Gesicht, gesehen. Und ihr lasst nicht töten, ihr tötet selbst. Das habe ich gesehen, also das kam so. Ich war mit meiner lieben Frau bei einer von euch auf Besuch. Und wie ich mich so umsehe, da entdecke ich es. Ich war zunächst so schockiert, dass ich gar nicht hinzusehen wagte. So verlogen und heuchlerisch. Selbst es aufzuschreiben fällt mir schwer. Ihr müsstet sehen wie meine Hände zittern vor Wut und Scham.

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Vegan heißt Ja zum Leben sagen (6)

„Ich denke, das ist der Knackpunkt“, meinte Zoe, „Wie kann ich Menschen dazu bewegen, das Leid und die anderen Konsequenzen ihres Handelns zu sehen, ohne sofort von anderen Dingen abgelenkt zu werden wie z.B. den Verlust der hierarchischen Ordnung oder des eigenen, gewohnten Lebensstils? Wie kann ich Menschen berühren?“
„Wieso ist es mit dem Verlust der hierarchischen Ordnung verbunden?“, warf nun Liv ein.
„Stell Dir vor, wir würden unseren nicht-menschlichen Mitgeschöpfen tatsächlich die Freiheit zugestehen, die ihnen zusteht, also ihr Leben selbst zu gestalten“, erwiderte Zoe, „Dann würde das bedeuten, dass die Menschen ganz schnell erkennen müssten, die anderen Spezies sind nicht abhängig von uns. Sie können das sehr gut ohne uns. Ohne diese Abhängigkeit allerdings, hätten wir keine Macht mehr und so lange wir in einer Gesellschaft leben, in der es selbstverständlich ist, dass Macht etwas Erstrebenswertes ist, wird man diesen Verlust nicht hinnehmen wollen. Manche führen Länder, andere Konzerne, wieder andere meinen, ihre Macht gegenüber Frauen und Kindern ausüben zu müssen und wer all diese Möglichkeiten nicht hat, verfügt über Tiere.“

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Vegan heißt Ja zum Leben sagen (4)

Liv begnügte sich also mit den Beilagen. Verstohlen sah sie zu den Tellern der anderen, die unverdrossen aßen. Zugegebenermaßen so, wie es Liv am Tag zuvor auch noch getan hatte, doch wenn sie nun das Fleisch sah, so verwandelte es sich vor ihren Augen in ein Lebewesen, das nicht sterben wollte, hörte die Schreie des Schmerzes und der Verlassenheit, der Angst und des Terrors, sah die schreckgeweiteten Augen vor sich. Lebenslänglich eingesperrt, völlig unschuldig. Und vor allem, warum sahen es die anderen nicht? War sie die einzige, die sehen konnte? Es war ihr, als wäre sie die einzige, die erwacht war und alle anderen schliefen weiter, einen Schlaf, in dem das Leid und das Elend und der Terror ignoriert werden und das sie Leben nennen.

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Vegan heißt ja zum Leben sagen (3)

Die Mutter sah ihre Tochter streng an: „Du willst mir also sagen, dass ich mich stundenlang am Herd abgemüht habe und dann kommst Du daher und isst das nicht? Ist das Deine Art mir Deinen Respekt zu zollen?“
„Und was ist mit Deinem Respekt gegenüber dem Leben?“, meinte Liv, „Hätte ich das vorher gewusst, ich hätte schon längst damit aufgehört. Dann hättest Du auch nicht für mich kochen brauchen.“

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Vegan heißt ja zum Leben sagen (1)

Es war einmal ein Mädchen namens Liv, was so viel wie Leben bedeutet, zumindest im skandinavischen Raum, die mit ihrer Hündin Nanna spazieren ging. Sie war eine Mischung aus verschiedensten Hütehunden, semmelbraun, mit langem Fell, groß und stämmig, aber gutmütig wie ein Lämmchen. Bei einem Urlaub in Rumänien hatten Liv und ihre Familie die Hündin als Baby auf der Straße aufgelesen. Seitdem war sie bei ihnen und immer an Livs Seite. An diesem Tag war Liv tief in Gedanken versunken gewesen und hatte nicht auf den Weg geachtet. Erst als ein klägliches Muhen an ihr Ohr drang, sah sie auf und versuchte sich zu orientieren. Sie standen mitten zwischen Feldern auf einem Weg. Den Ort hatten sie schon weit hinter sich gelassen. Doch woher kamen die Geräusche, die eindeutig als solche zu identifizieren waren, die Kühe von sich gaben. Kleine Kühe. Endlich machte Liv winzige Hütten aus, vor denen jeweils ein kleiner abgezäunter Bereich war. Wie Minihäuser mit Balkon wirkte es. Und in jeder dieser Hütten befand sich ein Kälbchen.

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