Unverhofft vegan (1)

Detlev fühlte sich beschwingt und lebensfroh, als er an diesem Morgen um 6.00 Uhr zu seiner üblichen Laufrunde startete. Um die Zeit war es noch sehr ruhig in dem kleinen Wäldchen, das nahe seiner Wohnung lag. Es tat gut, für sich allein und dennoch draußen zu sein. Doch es war nicht die Morgenfrische alleine, die ihn in eine solche Hochstimmung versetzte, sondern er hoffte das Mädchen mit den roten Kringellocken und dem großen braunen Hund wiederzusehen, die auch regelmäßig hier liefen. Montags, mittwochs und freitags, wie er festgestellt hatte. Und tatsächlich kamen sie, nachdem er die erste Biegung genommen hatte und die einzige etwas längere Gerade vor sich sah, in sein Blickfeld. Zügig, aber ohne Hast bewältigten die beiden, einträchtig nebeneinander, die Strecke, wobei der Hund mit seinen langen Beinen gerade mal einen leichten Trab benötigte, um mit seinem Frauchen Schritt zu halten.

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Vom großen Glück, in einem Rechtsstaat zu leben (1)

Stell Dir vor, Du liegst im Bett, in Deiner Wohnung. Neben Dir Dein*e Partner*in, die Kinder in deren Zimmern. Du bist an einem Ort, der Dir Wärme, Sicherheit und Geborgenheit bietet. Hier fühlst Du Dich aufgehoben. Die Türe zugesperrt. Es kann nicht viel passieren. Es ist drei Uhr morgens. Die Zeit, zu der Du am tiefsten schläfst. Vielleicht hast Du auch gerade einen schönen Traum. Von dem Ausflug mit den Kindern am letzten Wochenende. Oder von der letzten Sonnenaufgangswanderung. Als Du plötzlich jäh aus dem Schlaf gerissen wirst. Vermummte Gestalten, ganz in Schwarz, die Waffen im Anschlag, brechen Deine Türe auf und zerren Dich aus dem Bett. Aber nicht nur Dich, sondern auch Deine*n Partner*in. Selbst vor den Kindern machen sie nicht halt. An die Wand gestellt, genau so wie Du aus dem Bett gezerrt wurdest. Im Pyjama oder gar nackt. Hattest Du nicht gedacht, dass Du hier sicher wärst? Hast Du nicht gedacht, es wäre ein Ort, an dem Deinen Kindern nichts zustoßen könnte? Und genau hier findet dieser Überfall statt. Aus heiterem Himmel. Völlig unvorhersehbar.

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Mit dem Strick in der Hand

Wehmütig blickt er sich um, der Esel, den ich am Strick führe, zum ersten Mal, wehmütig zurück auf seine Weide und seine Kameraden. Die durften dort bleiben und weiter grasen und hin gehen wo sie wollen, zumindest innerhalb der Umzäunung, ohne Halfter, ohne Strick. Und die, die auf der Weide zurückblieben schauen denen nach, die weggeführt werden wohin sie wohl gehen, wann sie zurückkommen, kommen sie überhaupt zurück?

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Wie Konsument*innen getäuscht werden

Konsument*innen wollen – so wird immer wieder behauptet – wissen, wie es den Tieren geht, die sie essen bzw. deren Produkte sie konsumieren. Der Großteil der Menschen lehnt Massentierhaltung ab und hört nicht auf zu betonen, dass es ok ist Tiere zu schlachten und ihre Produkte auszubeuten, so lange es gut gelebt hat. Was auch immer ein gutes Leben bedeutet, so stellt sich natürlich die Frage, wie sieht man einem Produkt im Supermarkt an, wie das Tier lebte. Da liegt das billigste Fleisch neben dem teuren und sieht einfach gleich aus. Man hört weder die Schreie, man sieht nicht die Verletzungen und erkennt nicht den Schmerz. Alles fein säuberlich verpackt und nutzerfreundlich hergerichtet. Es ist austauschbar. Wie soll man den Personen, die reflektiert einkaufen wollen, den Unterschied so kurz und prägnant wie möglich erklären? Schließlich kann man keine Aufsätze dazuschreiben, denn die Menschen haben keine Zeit. Es sollte auf den ersten Blick klar erkennbar sein, was da gekauft wird.

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Die wahren Corona-Opfer

Corinna war der wunderbarste Hund, den man sich vorstellen kann. Sie war vier Monate alt, als sie zur Familie Maier, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern, kam. „Wir schaffen uns jetzt einen Hund an“, hatte der Vater gesagt, als er wegen Corona in Kurzarbeit geschickt wurde, „Dann haben wir einen Grund hinauszugehen und es ist nicht so fad.“ Die Kinder waren begeistert, denn sie hatten schließlich auch Heimschule und der Hund wäre doch ein toller Ausgleich für die fehlenden Kontakte zu ihren Freund*innen. Bloß die Mutter legte ein schwaches Veto ein. „Irgendwann wird dieses komische Corona wieder vorbei sein und Du wirst wieder in die Firma gehen und ihr zur Schule. Am Nachmittag werdet ihr Euch mit Euren Freund*innen treffen wollen. Dann wollt ihr sicher auch wieder in Urlaub fahren und was wird dann mit dem Hund“, meinte sie, doch bis dahin würde noch viel Zeit vergehen, das würde sich schon alles finden, meinte der Rest der Familie. So kam Corinna ins Haus.

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Du hast sie Dir vertraut gemacht

Zuerst sahst Du sie nur ab und zu, wenn sie an Deinem Fenster vorbeiglitt, sanft und lautlos. Es war Zufall, purer Zufall, dass Du sie entdecktest, doch sobald es geschehen war, wurdest Du aufmerksamer, achtetest auf jedes leise Rascheln, auf den kleinsten Schatten, wenn Du aus dem Fenster sahst. Wunderschön war sie, und Du hattest Freude daran, sie aus der Ferne zu sehen. An den Tagen, an denen Du sie sahst, warst Du fröhlich und ausgeglichen. Dieser eine kleine Moment genügte, Deinen Tag zu verwandeln, in einen besonderen, herausgehoben aus der zähen Masse all der anderen Tage. Sie schritt in Dein Blickfeld, durch es hindurch und wieder hinaus. Es war ein guter Tag.

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Ich wünsche Dir eine Begegnung

Inmitten des Frühlings, der Zeit des Aufblühens, fühlte ich mich selbst Verblühen. Gerade zu der Zeit des Neubeginns, erahnte ich in mir ein Ende. Während jener hoffnungsfrohen Zeit, waltete in mir die Trostlosigkeit. Lähmende Verlassenheit und träge schleimige Abwesenheit von Geräuschen, nicht einmal Stille, herrschte in mir. Dort, wo es eben noch so reichlich gesprudelt hatte, war die Quelle versiegt, und als ich vor die Türe trat, bloß um die Runde um den See zu gehen, um etwas zu tun, als ich über die Wiese ging, ein bestimmtes Ziel vor Augen, das Weggehen, und die Wiederkunft, da sah ich ihn.

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