Sag die Wahrheit Tag

Was wäre, wenn wir plötzlich alle die Wahrheit sagen würden, wobei mir durchaus die Problematik des Begriffs „Wahrheit“ bewusst ist. Aber allein einer Freundin zu sagen, dass man die Frisur scheußlich findet, die sie sich zulegte, erfordert eine Menge Mut. Man könnte natürlich immer noch sagen. „Du bist eine wunderschöne Frau. Da kann Dir selbst diese Frisur nichts anhaben.“ Wie dies goutiert wird hängt unter anderem auch davon ab, wie genau die Freundin zuhörte. Dennoch ist das die Wahrheit? Sicher keine allgemeingültige, sondern nichts weiter als eine subjektive Meinung. Daraus ist aber zu ersehen, dass uns die große, hochhehre Wahrheit gar nicht interessiert, sondern die subjektiven Meinungen unseres sozialen Umfelds. Mehr noch, wir sind von diesem Wohlwollen abhängig, weil wir nicht als Spinner oder Nestbeschmutzer dastehen wollen. Deshalb machen wir vieles, dessen Sinn oder Nutzen uns nicht bewusst ist, sondern nur die Einsicht, dass man es macht. Dieses abstruse, sich überall breitmachende und doch nicht zu fassende Man. Um dazu zugehören sind wir sogar bereit Opfer zu bringen, wie Geld auszugeben für Dinge, die man sich nicht anschaffen würde, würde man selbst entscheiden oder die Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Am offensichtlichsten wird diese Diskrepanz, wenn man die Möglichkeit in den Raum stellt, das Leid in der Welt zu verringern.

„So viele Kinder verhungern, jeden Tag, ist das nicht schrecklich“, sagst Du zu mir.
„Ja, das ist schrecklich“, gebe ich Dir recht.
„Und die Regenwälder werden abgebrannt oder abgeholzt. Wir bekommen bald keine Luft mehr“, fährst Du fort.
„Und die Menschen, die in den Regenwäldern leben, die werden getötet oder vertrieben“, ergänze ich.
„Man stelle sich das mal vor, so grauenhafte Zustände“, ereiferst Du Dich, „Wie kann man das nur zulassen. Wie gerne würde ich da was ändern, aber was soll ich schon tun.“
„Du hättest also gerne, dass kein Kind mehr auf der Welt hungern muss?“, frage ich nach.
„Ja, das wäre wunderbar“, erklärst Du.
„Und Du möchtest auch, dass die Regenwälder nicht mehr abgeholzt werden?“, fahre ich fort.
„Natürlich wäre das großartig“, meinst Du.
„Und Du würdest auch gerne erleben, dass die Menschen, die in den Regenwäldern leben, nicht mehr vertrieben oder getötet werden?“, setze ich noch hinzu.
„Selbstverständlich, wer sollte das nicht wollen“, sagst Du mit Überzeugung.
„Das alles kannst Du bewirken“, stelle ich fest.
„Ich klar, ich kann gar nichts bewirken“, behauptest Du.
„Doch, Du kannst sehr viel bewirken, wenn Du denn möchtest, all das und noch viel mehr, wie die Rettung der Meere, die Reinhaltung des Grundwassers, die Verzögerung des Klimawandels und das Vermeiden von Pandemien. Das ist möglich“, erkläre ich.
„Na sicher, und wie sollte das bitte aussehen?“, fragst Du provokant nach, denn es ist offensichtlich, dass Du gerne jammerst, so lange Du nichts ändern kannst.
„Es ist ganz einfach. Du musst weder einen Eid schwören noch dem Leben abschwören, ganz im Gegenteil, Du musst auch nicht auf die modernen Errungenschaften verzichten und in ein Erdloch ziehen, sondern es ist nur notwendig, dass Du auf jegliche tierlichen Produkte verzichtest. Das ist alles“, sage ich Dir. Für einige Minuten siehst Du mich nur stumm an. Dann drehst Du Dich um und gehst, denn Du kannst es nicht, auf Tierleid zu verzichten, nicht für die Umwelt, nicht für die Kinder dieser Welt, nicht für die Regenwälder, nicht für andere Menschen, noch nicht einmal für die eigene Gesundheit. Vielleicht warst Du auch ein wenig traurig, denn Du willst vielleicht wirklich, dass alles besser wird, aber nur, solange man es auf die anderen schieben kann, etwas zu ändern. Bei mir selbst, das geht nicht. Deshalb lassen wir lieber die Regenwälder brennen, die Menschen vertreiben oder töten und die Kinder verhungern, bevor wir auf eine minimale Annehmlichkeit verzichten. Und für die nächste Pandemiewelle haben wir die Masken aufgehoben. Wenn allerdings der Tag kommt, da unsere eigenen Kinder sterben, weil keine Antibiotika mehr Wirkung zeigen, dann können wir immer noch darüber nachdenken. Vielleicht.

So etwas kann einem passieren, wenn man sich am Sag-die-Wahrheit-Tag begegnet, obwohl es jeden Tag sein sollte. Aber wer will das schon?

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