Böse Bilder zu zeigen ist gemein

Konzentriert blättere ich durch die Bilder der letzten Aufdeckung. Bei jeder zuvor hatte ich gedacht, schlimmer ginge es nicht mehr – und es ging noch schlimmer. Die, die ich nun vor mir hatte, waren die allerschlimmsten. Ich überlegte, welche ich auflegen, der Öffentlichkeit präsentieren soll. Was kann man den Menschen zumuten? Ich entscheide mich rigoros. Wenn es um die Realität geht, dann alles, denn es ist ihr Werk. Und wenn sie es schon nicht selber machen, dann wird es zumindest stillschweigend geduldet. Eines ist schlimmer als das andere. Zwischen schwer verletzten Schweinen liegen tote, in den verschiedensten Stadien der Verwesung. Wie lange hatte der Bauer diesen Stall nicht betreten? Natürlich, es ist möglich theoretisch diese paar Monate, die die Aufzucht dauert, kein einziges Mal nach den Tieren zu sehen. Möglich, weil Futter- und Wasserausgabe automatisiert sind. Man muss nur aufpassen, dass die Lüftung funktioniert, denn wenn diese ausfällt, krepieren alle elendiglich. Das ist nicht gut, denn dann ist das eingesetzte Kapital futsch. Ausmisten muss man auch nicht, denn die Fäkalien werden durch die Spalten geschoben. Erst am Schluss, wenn der Transporter kommt, um sie zum Schlachthof zu bringen, dann wird einmal durchgeputzt.

Trotzdem schauen die meisten Bauern ab und zu vorbei. Schließlich weiß man, dass 25% der Tiere während dieses Mastprozesses sterben. Da sollte man zumindest die Toten in den Abfallcontainer schmeißen. Macht ja sonst kein gutes Bild und es riecht auch ganz grauenhaft, aber das ist in diesem Fäkalienloch auch schon wurscht. Jetzt hat der Bauer das nicht gemacht. Und gerade in diesen Betrieb kommen welche, die die Zustände fotografieren, ja sogar filmen.

Es sind die Fotos, die ich auflege. Misshandelte, geknechtete Kreaturen, worauf die ÖVP nur eine Antwort kennt: Es muss härter bestraft werden. Nein, nicht die Misshandlung der Tiere, sondern dass es jemand gibt, der in den Stall eindringt und das an die Öffentlichkeit zerrt, was dort nie hinkommen sollte. Das darf nicht sein. Die Leute sollen es nicht wissen. Ich lege die Bilder trotzdem auf. Sie müssen es wissen, denn es ist wichtig, dass sich die Menschen nicht mehr von der Weichwaschidylle bezirzen lassen. Was sie mit diesem Wissen machen, welche Konsequenzen sie für sich ziehen, das ist ihre Sache. Die ÖVP will die Bauern genau davor schützen, ist erbost, dass es sein kann, diese Bloßstellung. Und was ist mit den Tieren, den vor sich hinvegetierenden Lebewesen, nein, die sind egal.

AMA-Idylle

AMA-zertifiziert ist dieser Betrieb. Ein Gütesiegel, das mit viel Geld das Vertrauen der Konsument*innen gewonnen hat. Sieht man auf ihre Seite, dann kommt ein hübsches Bild, auf dem gerade ein Schwein zu sehen ist, zwar auf Vollspaltenboden, aber ein bisschen Stroh ist unter dieses gestreut, während die Bäuerin ihm solches reicht. Es scheint das einzige Schwein in dem ganzen Betrieb zu sein, zumindest sieht man nur dieses eine und die Bäuerin. Es ist sowas von erlogen, aber manche wollen nur das sehen. Deshalb wird das andere ausgeblendet. Ich will es ihnen nicht leicht machen, das Ausblenden. Deshalb lege ich die Bilder auf. Es sollen alle die Möglichkeit haben zu erfahren, wie sehr wir von der Industrie verarscht werden.

Langsam stehe ich auf und betrachte die ausgestellten Fotos nochmals. Sie sind gut sichtbar. Ein Mann bleibt neben mir stehen.
„Ich respektiere, dass Menschen vegan leben“, erklärt er, ohne jede weitere Einleitung.
„Das freut mich“, gebe ich zynisch zurück, „Ich bin so froh, dass ich ihr Einverständnis habe.“
„Aber ich erwarte mir, dass ihr auch respektiert, wenn jemand Fleisch isst“, meint er postwendend.
„Wie kann ich einen Lebensstil respektieren, der solche Opfer fordert?“, frage ich nach.
„Das ist ja überhaupt die größte Frechheit“, meint er, während er auf die Bilder weist, „Ist es schon schlimm genug, dass ihr Veganer uns mit Worten zu bekehren versucht, aber diese Bilder, das geht gar nicht. Die missbraucht ihr doch nur, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen, uns unter Druck zu setzen, ja, mehr noch, uns als Tierquäler titulieren zu können. Ohne diese Bilder wäre es viel glaubwürdiger und man könnte tatsächlich unvoreingenommen entscheiden. Aber unter diesen Umständen ist es einfach nur Manipulation. Das ist eine fast schon menschenverachtende Vorgangsweise.“
„Das heißt, wir sollen es dabei belassen, wenn den Konsument*innen die glückliche Idylle auf der Weide vorgelogen wird, während die Realität unter Verschluss gehalten wird?“, frage ich weiter.
„Erstens ist es nicht gelogen, denn es gibt durchaus Tiere auf der Weide und zweitens, ja, genau das solltet ihr tun. Das kann man den braven, ehrlichen, arbeitsamen Menschen nicht zumuten“, sprachs und ging. Und ließ mich ein wenig desillusionierter zurück, als ich es sowieso schon war.  

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