Erkenntnis ist irreversibel (2)

Es war ein weiter Weg, von der Innenstadt bis zum Stadtrand und über die Felder, bis sie endlich vor dem besagten Stall standen. Der Mond schien hell, so dass sie alle Einzelheiten genau erkennen konnten. Einige Momente hielten sie inne. Dann steuerte Rebekka direkt den Eingang an. Vorsichtig griff sie nach der Klinke, drückte sie herunter und fand die Türe, zu ihrer großen Überraschung, unverschlossen. Daraufhin winkte sie Paul, der im Feld stehengeblieben war und wirkte, als wollte er sich keinen Schritt vorwärtsbewegen. Rebekka war verärgert. „Wer sich hier nicht traut!“, dachte sie noch, während sie zu Paul hinüberging, ihn grob am Arm packte und hinter sich herzog. „Ich mich nicht trauen“, knurrte sie, als sie die Türe öffnete.

Sofort schlug ihnen ein bestialischer Gestank entgegen. Ihre Augen begannen zu tränen und Rebekkas Magen rebellierte. „Wie konnte man es da drinnen aushalten?“, schoss es ihr durch den Kopf, „Waren die Nasen der Schweine nicht noch viel sensibler als ihre, ja mehr noch als die von Hunden?“ Sie versuchte sich zu erinnern, was sie im Biologieunterricht über Schweine gelernt hatte. „Intelligent, sozial, bewegungsfreudig“, fiel ihr prompt ein, als sie den Stall betraten. Triumphierend wandte sie sich zu Paul: „Siehst, ich trau mich!“. Dann erst wandte sie sich dem Inneren des Stalles zu und meinte ihren Augen nicht trauen zu können.

In kotverschmierten Buchten lagen Schweine, die gerade so viel Platz hatten, dass sie sich niederlegen konnten. Da war kein Zentimeter Platz dazwischen. Ihre Haut war übersät von Wunden. Viele von ihnen hatten blutverkrustete Schwänze und Ohren. An den Gelenken zeigten sich große Geschwülste. Als die ersten Schweine die Eindringlinge bemerkten, sprangen sie auf und fingen an zu schreien. Sie wollten laufen, ob weg oder zu ihr hin, war nicht klar, weil sie sich höchstens ein paar Zentimeter bewegen konnten, bevor sie über das nächste Schwein stolperten. Manche, so erkannte Rebekka bei näherem Hinsehen, waren so schwer verletzt, dass sie nicht einmal mehr aufstehen konnten. Teilnahmslos ließen sie alles geschehen, was die anderen machten. Eine Bucht nach der anderen leuchtete sie mit ihrer Taschenlampe aus, doch überall bot sich dasselbe Bild. Als sie meinte, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, entdeckte sie ein Schwein, das am Boden lag, wohl noch nicht ganz tot, denn es atmete noch flach, aber dennoch wurde es von den Artgenoss*innen angefressen. „Bei lebendigem Leib aufgefressen“, fuhr es ihr durch den Kopf. Ihre Knie gaben nach, so dass sie an Ort und Stelle zusammenbrach, während ihr heiße Tränen übers Gesicht liefen, die nicht zu versiegen schienen, Tränen der Wut und der Verzweiflung über die Erkenntnis, welcher Schmerz fühlenden Wesen angetan wurde, inmitten einer aufgeklärten, sich human schimpfenden Gesellschaft. Eingepfercht, verlassen, ausgebeutet, das war die Realität, während im Fernsehen fröhliche Ferkel über den Bildschirm liefen. Tierwohl, ja das wurde groß geschrieben in Österreich, aber nicht gelebt.

Rebekka wusste nicht, wie lange sie da gelegen hatte, sich dem Jammer und dem Selbstmitleid hingebend. Irgendwann fühlte sie sich an den Armen und Beinen gepackt und hinausgetragen. Ihre Tränen waren versiegt, mittlerweile. Widerstandslos ließ sie es geschehen, dass sie in ein Auto verfrachtet und weggebracht wurde. An den Uniformen erkannte sie, dass es sich um Polizist*innen handelte. Auf der Wache wurde sie auf einen Stuhl gesetzt und mit Fragen bombardiert, aber sie brachte kein Wort heraus, kein einziges. So sehr die Exekutivbeamt*innen sie auch bedrängten, sie machte den Mund nicht auf. Endlich wurde sie auf die Straße gesetzt. Es begann bereits zu dämmern. Da erst fiel ihr auf, dass zwar sie verhaftet worden war, aber nicht Paul. „Er hat sich aus dem Staub gemacht“, dachte Rebekka, aber es war ihr egal. Sie wollte bloß noch nach Hause und sich die Decke über den Kopf ziehen, als könnte sie damit die Bilder, die Gerüche und die Geräusche wieder loswerden. Doch es gelang nicht. Was man einmal gesehen hat, kann man nicht ungesehen machen. Es ist unmöglich, eine einmal gemachte Erkenntnis, ungeschehen werden zu lassen. Und plötzlich wurde ihr bewusst, warum die meisten Menschen nicht nach Erkenntnis strebten, sondern viel lieber vor den Bildern verharrten, die ihnen gezeigt wurden, wie die Menschen in Platons Höhlengleichnis. Sie wollten es nicht wissen, weil es sie gezwungen hätte, vieles in Frage zu stellen. Und endlich war sie da, die Antwort, sie musste es sagen, nein, hinausschreien, damit sie auch gehört wurde.

Die Schweine leiden,
in engen Ställen,
ohne Tageslicht,
auf hartem Betonboden.
Sie haben Wunden am ganzen Körper.
Sie fressen sich gegenseitig an.
Sie bekommen kaum Luft.
Sie vegetieren dahin.
Es ist Euch egal.
Ihr wollt Euer billiges Schnitzel.
Wie kann man nur so gefühllos sein?
So egozentrisch?
Schaut hin!
Hört hin!
Und lasst sie endlich leben!
Millionen fühlende Tiere leiden,
für Euren Genuss.
Wie kann einem das nur so egal sein?
Wie kann man so tun,
als wäre nichts,
sein Leben einfach weiterleben,
während sie krepieren?
Aber nicht nur die Schweine behandelt ihr so.
Küken werden geschreddert.
Kälber von den Müttern getrennt.
Menschen schickt ihr in den sicheren Tod,
oder steckt sie in die soziale Isolation,
weil sie anders sind.
Ihr seid keine Menschen,
sondern gefühl- und hirnlose Psychopathen.
Ihr kotzt mich an!
Ihr widert mach an!

Und ihre Stimme hallte durch die Straßen, während sich die Menschen verschämt abwandten. Worte konnte man vergessen. Bilder, die sie zeigte, nicht ansehen. Man will die Erkenntnis nicht, hinter die man nicht mehr zurückkommt. Denn nur so, kann man sein Leben einfach weiterleben, unbewusst und unreflektiert. Kann man sich nur um sich selbst und sein eigenes, unbedeutendes, kleines Leben kümmern. Doch Rebekka hörte nicht auf, ihre Stimme zu erheben, sie über Plätze schallen zu lassen, denn sie hatte die Augen aufgemacht und erkannt. Und mit offenen Augen, endlich offenen Augen, ist es schwer, nicht zu sehen.

2 Gedanken zu „Erkenntnis ist irreversibel (2)

  1. oma99

    in meiner ganzen Betroffenheit über die beschriebene Szene – ich kenne Vergleichbares leider auch in Deutschland aus eigenem Erleben – kann ich mich nur bedanken. Bedanken dafür, daß es hier lesbar und weitergeb-bar steht. Ich hoffe seit langem darauf, dass endlich mal alle Menschen verinnerlichen, wie UNMENSCHLICH (wir) alle sind, die (wir) dies dulden und über die Ernährung fördern!

    und am Rande:
    kleiner Tipp-Fehler: „gefülllos sein?“ – sollte wohl „gefühllos“ heißen…

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