Es sind doch bloß Babies

Max hat sich eingerollt, ganz eng zusammengerollt, in seiner Box, in der er in Einzelhaft leben muss. Natürlich hat er keinen Namen, nur eine Nummer. Es zahlt sich nicht aus, ihm einen Namen zu geben. Er ist doch bloß ein Kalb, dazu noch ein männliches, das bald tot sein wird oder irgendwo auf einem LKW, verfrachtet zum Schlachten. Ich habe ihm den Namen gegeben, um ihm einen Rest an Würde zu geben, als wäre er jemand gewesen, inmitten einer Industrie, in der er nur Etwas ist. Etwas, das Geld bringt oder nicht. Er bringt keines. € 8,49 ist er wert, in dieser Industrie. Da kostet das Futter mehr, das er braucht, dieser billigste Milchaustauscher. Selbst das ist noch zu teuer. Sein Wert bemisst sich nach seinem Nutzen. Er hat keinen, nicht in diesem System, aber für seine Mutter ist er die Welt. Er rollt sich zusammen, damit die Kälte weggeht, vor allem die der Einsamkeit. Dabei wollte er doch nichts anderes, als bei seiner Mutter sein. Saugen, nicht nur, um den Hunger zu stillen, sondern auch weil es gut tut. Doch er muss da sein, ganz alleine. Er versteht nicht warum. Dabei wollte er doch nichts weiter, als bei seiner Mama zu sein, so wie es sein sollte, nichts weiter, als zu leben.

Fridolin liegt erschöpft auf dem Betonboden. Er müsste nur ein wenig weiter kriechen, sich schleppen, um zur Wärmelampe zu gelangen, doch er hat keine Kraft mehr. Seine Mutter wäre auch in der Nähe, doch sie liegt in einem Eisenverbau und kann sich nicht rühren, ihn nicht animieren zu trinken, ihn nicht wärmen. Sie ist da, und doch ist sie es nicht. Er schließt die Augen und träumt von dem Nest, das seine Mutter gebaut hätte, für ihn und seine Geschwister, hätte sie die Möglichkeit gehabt, wären sie frei gewesen oder zumindest nicht in diesem Käfig. Doch sie ist hier eingesperrt. Sie hätte ihnen etwas vorgesungen. Doch sie liegt, unbeweglich, gefangen in derselben Verzweiflung, wie ihre Babies. Fridolin schließt die Augen. Er schafft es nicht, weder zu den Brüsten seiner Mutter, noch zur Wärmelampe. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird er seine Augen nicht mehr öffnen. Dann hat er es überstanden. Dabei wollte er doch nichts weiter, als bei seiner Mama zu sein, so wie es sein sollte, nichts weiter, als zu leben.

Tim sieht sich um. Gerade eben ist er aus dem Ei geschlüpft und sucht nun nach dem schützenden Flügel seiner Mutter, unter den er kriechen könnte. Doch da ist kein Flügel und auch keine Mutter, nur hunderte andere kleine, gelbe Flauschbällchen, die sich gerade aus der schützenden Schale gearbeitet hatten, um die Welt zu entdecken. Doch da gibt es keine Welt zu entdecken, bloß Gefangenschaft, künstliches Licht und Verlassenheit. Bald schon werden sie auf ein Förderband verfrachtet und die einen auf die eine, die anderen auf die andere Seite sortiert. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“, was in dem Fall heißt, die Mädchen zum Eierlegen beordert, die die Guten sind, die Buben in den Schredder, die die Schlechten, Unnützen, Unbrauchbaren sind. Tim ist einer von diesen und wird nach ein paar Stunden Leben wieder tot sein. Dabei wollte er doch nichts weiter, als bei seiner Mama zu sein, so wie es sein sollte, nichts weiter als zu leben.

All dies geschieht, Tag für Tag. Millionen von Babies wie Max, Fridolin und Tim fallen durch den Rost der Nützlichkeitsanalyse. Ich denke an Max, wenn Du Deine Milch trinkst, weil er deshalb nicht bei seiner Mama sein darf und keinen Wert hat. Er gibt schließlich keine Milch. Ich denke an Fridolin, wenn Du in Dein Schinkenbrötchen beißt, weil er deshalb auf diesen Spaltenböden leben muss, denn der Schinken muss so billig wie möglich sein. Er muss Fleisch ansetzen. Ich denke an Tim, wenn Du Dein weiches Ei köpfst, weil er deshalb nicht bei seiner Mama sein darf und keinen Wert hat. Niemals wird er Eier legen. Ich sehe es. Du nicht, denn man sieht es weder der Milch noch dem Schinken und schon gar nicht dem Ei an, wie viel Leid damit zusammenhängt. Du siehst nur das fertige Produkt. Die, die es sehen könnten, die in der Produktion, nehmen es nicht mehr wahr. Es ist zu alltäglich und banal. Auch der Tod. Und dabei waren es doch bloß Babies.

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